"Politisches Elend der Zeit ist imaginärer Antifaschismus"

Zeitdiagnose von Rudolf Burger. "Die Linke hat ein Moralmonopol", meint Philosoph Burger. "Die Probleme werden nicht mehr debattiert." So diskutiere man nicht über Integration, sondern nur über die Verhinderung Straches.

(c) Michaela Bruckberger

Die Presse: Österreich politisch ändern: Muss man das? Und auch die Österreicher?

Rudolf Burger: Lassen Sie mich es so sagen: Ich war vor drei Wochen in Lech beim Philosophicum, bei dem es um den Staat ging. Es waren qualitativ gute Vorträge, ein interessiertes Publikum, exzellente Redner. Dennoch habe ich mir gedacht: Was wäre passiert, wenn wir das vor 20, 30 Jahren diskutiert hätten? Der Teufel wäre los gewesen. Es wäre gestritten worden, sofort hätten sich Fraktionen gebildet, wären gegeneinander angetreten. Eine leidenschaftliche Debatte hätte sich entwickelt. Heuer hörte man sich höflich zuerst die eine Position, dann die andere an und lobte dann die Qualität.

 

Ist das Saturiertheit?

Nein, saturiert waren wir vor 30 Jahren noch viel mehr. Vielleicht ist es, wie Marx gesagt hat: Wenn die Sonne des Allgemeinen untergeht, leuchten die Lampen des Privaten auf. Philosophen reden heute viel über den Weg zum Glück, auch in Lech ist das Glück nächstes Jahr das Thema. Früher ging es um Politik und Kampf, die mit Leidenschaft diskutiert wurden. Wenn heute Studenten demonstrieren, erkenne ich keine wirkliche Intensität. Es mögen viele sein, die auf die Straße gehen, aber es fehlt echte politische Empörung über die eigene Betroffenheit hinweg.

 

Also sind wir egoistischer geworden? Positiv formuliert: individualistischer?

Ich weiß es nicht, die Gesellschaft ist in einem nihilistischen Sinn aufgeklärter als früher. Es gibt in der jungen Literatur Romane, in denen ein intelligenter Nihilismus beschrieben wird, etwa Nick McDonells „Twelve“: Das war ein genialer Wurf. Oder „Nichts – Was im Leben wichtig ist“ der dänischen Autorin Janne Teller: Das sollten Sie lesen.

Darin geht es um eine Schulklasse...

Um eine Schulklasse ganz normaler 14-Jähriger, in der ein Schüler meint, nichts habe Bedeutung. Die Mitschüler versuchen daraufhin, ihn zu widerlegen, indem sie ihm Gegenstände zeigen, die ihnen jeweils etwas bedeuten. Sie legen das alles auf einen Haufen – ein Haufen Bedeutung. Das wird dann dem Museum verkauft. Köstlich.

 

Für Sie ist das kein destruktiver Nihilismus wie jener der No-Future-Generation?

Die war auch nicht destruktiv, sie war aggressiv und definierte sich über eine Absage an Utopien. Sie war ein Zwischenschritt zu diesem individualistischen Nihilismus. Aber wollten wir nicht über Österreich und seine notwendige Veränderung reden?

 

Sie haben recht. Aber über Nihilismus zu reden ist doch interessanter als etwa die Beobachtung, dass wir uns in einer Wiederholungsschleife befinden und wieder da sind, wo wir in den 1990er-Jahren schon waren: Ein Rechtspopulist treibt mit dem Thema Ausländer eine Große Koalition vor sich her.

Es gab damals eine Generation von Journalisten, deren einziges Thema Jörg Haider war. Sie lebten von und mit ihm, indem sie sich über die Abgrenzung von ihm definierten und durch ihn bekannt wurden. Das waren die Haiderologen. Und jetzt kommen wahrscheinlich die Strachisten. Die politische Pest des 20.Jahrhunderts war der Faschismus, das politische Elend unserer Zeit ist der imaginäre Antifaschismus: ein gespielter Widerstand, der sich selbst als Prophylaxe versteht. Das führt zur Zerstörung politischen Denkens.

 

Ist das nicht zu viel der Ehre?

Nein, der imaginäre Antifaschismus erzeugt so viele Tabus und hält sie aufrecht, dass weite Felder des Politischen gar nicht mehr diskursiv bearbeitet werden. Die sogenannte Ausgrenzung von Jörg Haider und Heinz-Christian Strache ist keine politische, sondern eine diskursive. Niemand redet darüber, was einen sehr großen Teil der Bevölkerung wirklich beschäftigt. Emotionen und Gedanken entstehen, aber öffentlich sind sie nicht erlaubt. Dadurch kann man sie auch nicht widerlegen. So entsteht eine Stimmung, die man nur bei den Wahlen bemerkt.

 

Was müsste man unternehmen? Alle Tabus brechen?

Paradox formuliert: Man müsste die extreme Rechte kultivieren, und das kann man nur durch Diskursivierung. Dass nichts mittels Tabus niedergehalten wird und unterirdisch weiterwächst. Nehmen Sie Sarrazin: Ein gescheiter, geachteter Sozialdemokrat schreibt ein Buch, in dem vieles richtig und vielleicht manches falsch ist. Die erste Reaktion der Politiker: Das wollen wir nicht. Jeder, der ab sofort über Integration spricht, distanziert sich erst einmal von Sarrazin. Da wird ein ganzes Feld nur noch moralisch beackert. Die Linke hat plötzlich ein Moralmonopol. Die Probleme werden nicht mehr debattiert.

 

Aber Integrationsprobleme diskutieren wir doch.

Nein, die Politik diskutiert nicht über das Integrationsproblem, sondern das Problem, durch das Strache gewinnt. Man diskutiert in Wahrheit nicht die Lösung des Integrationsproblems, sondern die Verhinderung Straches.

Wäre es nicht einfach und zugleich schlau, einfach zuzugeben: Man kann nicht alle Integrationsprobleme lösen. Anders formuliert: Es wird immer wieder Wiener geben, die nicht Tür an Tür mit so vielen Türken leben wollen. Selbst wenn diese alle Germanistik studiert hätten.

Die Angst vor dem Fremden ist eine der ältesten der Menschheit. Ich glaube aber, man könnte politisch sensibler vorgehen. Ein Beispiel: Nehmen Sie den dummen Begriff „Einwanderungsland“ her, den Politiker so gerne verwenden. Zieht man die Differenz zwischen der Zahl der Einwanderer und der Auswanderer heran, dann sind wir eines. Aber in dieser sensiblen Situation provoziert dieser Begriff Ängste. Eigentlich verwendet man ihn für Länder wie die USA, Kanada und Australien, die sich über Einwanderung konstituiert haben. In Europa waren ausschließlich Auswandererländer. In den neuen Einwanderungsländern vernichteten die – meist europäischen – Einwanderer die indigene Bevölkerung.

 

Dass man sich mit Begriffen schwertut, bemerkt man an der ständigen Vermischung der Asyl- mit der Migrationspolitik.

Das verstehe ich dieser Tage überhaupt nicht: Wer Asyl verdient, muss es bekommen, aber soll wieder gehen, wenn sich die Situation im jeweiligen Heimatland wieder bessert. Aber gerade auch der imaginäre Antifaschismus verwendet ständig absichtlich Begriffe wie Nazis oder Rassismus völlig beliebig zum Zweck der Denunziation.

Zur Person

Rudolf Burger, geb. 1938 in Wien, studierte Physik und wandte sich am Batelle-Institut in Frankfurt der Forschungsplanung zu, später auch in Österreich. Von 1995 bis 1991 war er Rektor der „Angewandten“ in Wien. Er betrieb und betreibt rege publizistische Einmischung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2010)

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