Vielstimmige, musikalische "Verstörung"

Thomas Bernhards Roman „Verstörung“ wird in leicht dramatisierter Form im Landestheater Niederösterreich vor allem vorgetragen. Die Inszenierung, die am Samstag Premiere hatte, ist sehr musikalisch angelegt.

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Thomas Bernhards „Verstörung“ (1967) beginnt mit der naturalistischen Schilderung dumpfer, böser Menschen auf dem steirischen Land, aus der Perspektive eines Arztes und seines Sohnes (Paul Wolff-Plottegg, Oliver Rosskopf). Der Text steigert sich in absurde Tiraden, die eindringlich von Fürst Saurau verkörpert werden, der über Hochwasser räsoniert, über Theater klagt, mit Pascal bramarbisiert, während Tochter und Sohn (beide Katharina von Harsdorf) vor allem lauschen.

Auch bei der Dramatisierung des Textes durch Gwendolyne Melchinger und Karl Baratta, der bei der Uraufführung im Landestheater Niederösterreich auch Regie führte, ist der größte Effekt auf den Fürsten zugeschnitten. Hans Hollmann spielt diesen Saurau mit Energie, ungeheurer Lust an feiner Sprache und hinterfotzig, selbst wenn er eine so harmlose Tätigkeit wie Schuhe putzen ausübt. Mit solchem Ton im Ohr sollte man Bernhard lesen, und Brigitte Karner in der Dreifachrolle als Schwester sowie Helmut Wiesinger, ebenfalls in drei Rollen, ergänzen dies zu einer Disharmonie aus Schrillheit, Geilheit oder melancholischem Stumpfsinn.

Die Inszenierung, die am Samstag in Sankt Pölten Premiere hatte, ist sehr musikalisch angelegt. Benjamin McQuade spielt neben einer kleine Rolle auch in einer Loge Klavier, beginnt mit einer Beethoven-Sonate und begleitet den Fürsten später mit höfischer Musik. Die Bühne ist von Daniela Juckel sehr einfach gestaltet – eisblaue Wände und Stühle auf Rollen. So kann das Ensemble sich zum Halbkreis fügen, um chorisch zu wirken, oder auf Distanz gehen. Der Effekt ist ganz auf die Sprache ausgerichtet, tolle Stimmen wie die von Hollmann, Karner oder auch von Christine Jirku (als Patientin und Dienerin) reüssieren, für ein Drama aber ist dieser Abend etwas zu lang geraten. Allzu episch breit.

Nächste Termine: 9., 10.12.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2010)

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