Burgtheater Kasino: Ein böses Märchen vom Land

"Stallerhof" und Szenen aus "Geisterbahn" von F. X. Kroetz erleben unter der Regie von David Bösch eine fantastische Renaissance.

Burgtheater Kasino boeses Maerchen
Burgtheater Kasino boeses Maerchen
Stallerhof – (c) Dapd (Lilli Strauss)

Es ist eine alte Geschichte: Ein minderjähriges Bauernmädchen, das man heutzutage als mental herausgefordert bezeichnen würde, wird vom Hilfsknecht geschwängert. Das Elend setzt sich fort, bis Knecht und Mädchen vom Hof vertrieben, Knecht und Kind tot sind. Vor 38 Jahren hat der damals 26-jährige bayerische Autor Franz Xaver Kroetz mit seinem harten realistischen Volksstück „Stallerhof“ noch richtig schockiert. Das Sequel „Geisterbahn“, das in der grindigen Vorstadt von München spielt, war drei Jahre später eine für das Sozialdrama politisch korrekte Draufgabe. Aber wie wirkt dieser starke Stoff, der die Grausamkeiten des Landlebens und des städtischen Prekariats grausam bloßstellt, heute? Hat sich der frühe Kroetz gehalten?

Ja. Und er wirkt sogar ziemlich differenziert. Mit einer einfühlsamen Inszenierung ist David Bösch in nicht einmal zwei Stunden ein berührender und faszinierender Abend gelungen. Vier außergewöhnliche Schauspieler und ein tolles Bühnenbild machen diese raffinierte Neuinterpretation zu einem nachhaltigen Erlebnis.


Symbolschwere Bühne. Patrick Bannwart hat die gewaltig breite Bühne des Kasinos mit Zeug gefüllt, das einen verlotterten Bauernhof entstehen lässt. Gitterbett, Schultasche in Rosa, Strohballen, Milchpackerln, Waschmaschinen, desolate Sessel, Schmutz. Seine Kostüme: blutige Schürzen, schmutzige Trainingshosen, Jacken und Stiefel. Dazwischen wilde Symbolik. Die Tiere sind bedrohlich und naiv an die Wand gemalt, Bauernvarianten des schwarzen Schreckens von Goya, oder naiv aus Karton in Ställe gestellt, die Szene wird von einem Masten mit angenageltem Telefon dominiert, der zugleich ein riesiges Kruzifix ist, flankiert von Pfosten wie auf einem Kalvarienberg. Aufgepasst! Hier wird eine Passion gespielt oder zumindest eine tief schwarze Weihnachtsgeschichte ohne Erlösung, mit Resten von Liebe.


Schroff wie rostige Messer. Branko Samarovski als Staller und Barbara Petritsch als Stallerin sind illusionslose, von der Härte ihres Berufs gezeichnete Bauern, allein ihr Schweigen ist reine Verbitterung, ihre wenigen Sätze sind schroff wie rostige Messer. Sie spielen diese Nebenrollen mit großer Intensität und hohem Können. Einen Erben für den Hof hätten die Staller gern gehabt, gekriegt haben sie eine zurückgebliebene Tochter, die sich mit den Buchstaben schwer tut, wenn sie den Brief einer Tante liest, die niemals wie angekündigt kommen wird. Das linke Glas der Brille ist verklebt, ohne Sehhilfe scheint das Mädchen blind zu sein. Doch Beppi (Sarah Viktoria Frick) hat ein romantisches Innenleben. „Love lifts us up“ von Cocker und Warnes ist ihr Lieblingslied, Disney-Filme und Schnulzen sind ihre Flucht. Verwahrlost ist dieses Kind, von Schmutz starrend und bald auch aus ihrem Unterleib blutend. Frick spielt diese Beppi schonungslos, niemals peinlich.

Die Eltern geben ihr kaum Zuwendung, arbeiten soll sie, so wie Knecht Sepp, eine deformierte Gestalt, hinter der man kaum Johannes Krisch erkennt. Der ist als früh gealterter Mann großartig, schlurft mit offenen Stiefeln und offenem Hosenschlitz durch diese desolate Stimmungslandschaft.


Kurze Märchenreise. Wen wundert es, dass dieser Mann mit Märchen und Schokolade Zugang zu dem Mädchen findet? Eine Fahrt auf dem Moped zum Kirtag wird zur Märchenreise; ein Kracherl und sogar ein Bier. Mehr Glück ist nicht drin. Beppi scheint zu fliegen, aber die Landung ist brutal. Rasch liegt sie auf dem Boden, rasch ist auch der rohe Geschlechtsakt erledigt und die Zeugung, vergeblich ist der Abtreibungsversuch der Bäuerin mit Lauge. Es folgt eine leise Geburt und die Vertreibung des Knechts.

Als Epilog sind Szenen aus „Geisterbahn“ hinzugefügt. Beppi fährt zum Kindsvater in die Stadt, ein kleiner Zeichentrickfilm hellt die Szene kurz auf. Ganz sparsam wird das Elend in der Stadt angedeutet, in einem kargen Untermietszimmer. Es schneit, und dann kommt der Tod; ganz anonym für Sepp, mit furchtbarer Brutalität für das Kind, das von allen Menschen verlassen, von jeglicher Fürsorge vergessen wird. Beppi bleiben nur die Märchen. Böse Märchen. Von grausamen Hexen und armen Nixen.

„Stallerhof“ von Franz Xaver Kroetz wurde 1972 in Hamburg uraufgeführt, „Geisterbahn“ 1975 in Wien.

Regie: David Bösch, Bühne: Patrick Bannwart, Mit Branko Samarovski, Barbara Petritsch, Sarah Viktoria Frick, Johannes Krisch; Termine: 13., 15., 16., 21., 22. Dez., 20 h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2010)

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