"Burgporträts": Die Phantome des Burgtheaters

Premiere im Burgtheater: Michael Laub lässt in "Burgporträts" hinter die Kulissen blicken. Diese Charakterstudien sind lustig, rührend und peinlich - also auch ehrlich und gelungen.

Burgportraets Phantome Burgtheaters
Burgportraets Phantome Burgtheaters
Christiane von Poelnitz – (c) Dapd (Lilli Strauss)

Es ist der große Abend für Nebendarsteller, Statisten und jene, die sonst gar nicht auf der Bühne des Burgtheaters auftreten, sondern in der Kantine arbeiten oder in den Gängen darauf achten, dass kein Feuer ausbricht. Die sonst bewunderten Stars aber haben bei diesen „Burgporträts“ von Michael Laub, die am Samstag Premiere hatten, wenig zu melden.

Maria Happel, die aus Dispositionsgründen abwesend ist, wird kurz per Video dazugeschaltet, auf einer von Dutzenden großen Papierbahnen, die, umstellt von Scheinwerfern, wie Screens beim Fotografen wirken. Happel sagt, sie wolle nichts Persönliches preisgeben, weil sie gewohnt sei, vorgegebenen Text zu interpretieren. Auch Christiane von Poelnitz taucht nur lachend aus der Versenkung auf, um sich in Posen zu werfen. Auf ihrem Screen sieht man die SMS an Laub als Dokumente der Verweigerung. Bei Mavie Hörbiger laufen wie im Abspann eines Films Dutzende Namen ihrer berühmten Verwandtschaft ab, von Wessely bis Obonya. Nein, sie werde sicher nicht über ihre Familie sprechen, sagt sie und mimt ein fauchendes Raubtier. Nur Petra Morzé wird anscheinend persönlich, weint: „Meine Beziehung zum Burgtheater ist ambivalent.“ Sie fühle sich lost im Burgtheater. Wird dieses Haus etwa gar von Geistern bewohnt, die diese Phantomschmerzen verursachen?

 

Ein Gesamtkunstwerk-Sozialpaket

Nein, das Burgtheater ist nicht nur eine riesige Maschine, sondern auch eine große Familie, vermeint man an diesem Abend zu spüren. Der Belgier Laub, der seit zehn Jahren auf derartige Charakterstudien spezialisiert ist und mit Porträts bei Tom Stromberg am Schauspielhaus Hamburg erstmals reüssierte, hat sich auf dessen Anregung hin mit dem Haus am Ring als Gesamtkunstwerk-Sozialpaket befasst – in 80 Minuten erfährt man mehr über das, was auch hinter den Kulissen passiert als bei einer gewöhnlichen Führung. Bewunderer des Theaters werden nach diesen intimen, rührenden, lustigen und peinlichen – also auch ehrlichen 20 Kurzauftritten noch mehr Achtung für dieses Haus empfinden. Es zieht offenbar lauter Charakterköpfe an, selbst hinter der Bühne. Der Abend ist amüsant und gelungen, weil er so raffiniert und auch menschlich ist.

Nehmen wir zum Beispiel die Billeteurin Monika Höflinger, die seit sieben Jahren Teil des Vorderhauspersonals ist. „So lange wollte ich nicht bleiben. 1100 Theaterabende bedeuten 1100 Käsetoasts.“ Ihre wahre Leidenschaft sei die Malerei, sagt sie und zeigt auf ihrem Screen eines ihrer Bilder. Oder Andreas Dampfhart, Pensionist und passionierter Komparse: Laub lässt ihn einen tanzenden Elefanten spielen und eine flüsternde Nebenrolle bei „Elisabeth II.“ Das Solo auf der großen Bühne wirkt seltsam verfremdet, man bekommt einen zweiten Blick auf das Stück, das man sonst mit Voss und Kirchner assoziiert. Dieser Trick wird mehrfach wiederholt: Claudia Durstberger, Sängerin und Kleindarstellerin seit 17 Jahren, erzählt von ihrer Krankheit, ihren Ängsten, von Stücken, die sie gehasst hat (sie spielt eine Leiche im „Ottokar“, sie turnt im „Sportstück“) und solchen, die sie gern mochte: „Elisabeth II.“ Und schon ist sie solo im Einsatz, trägt als Bedienstete imaginäre Stühle oder Tabletts über die Bühne.

In dieser bunten Talenteshow lässt Bodyguard Lion A. Kenechukwu seine Muskeln spielen, singen Feuerwehrmann Wolfgang Klaus und Sängerin Elisabeth Aref leichtes Fach. Karl Heindl führt auf Japanisch eine Touristengruppe, Heinz Geissbüchler aus der Kantine erweist sich als volkstümliches Erzähltalent. Sie alle geben einiges Persönliches preis. Und der aufstrebende Schauspieler André Meyer verrät, von welcher Rolle er träumt. Als Action-Held durchmisst er die riesige Bühne, schafft in fünf Minuten große Illusionen. Schließlich tritt Sebastian Wimmer auf. Der Bub ist die Maus im „Zauberer von Oz“. Seine Mutter wollte ihm zeigen, dass es auch von Vorteil sein kann, klein zu sein. Er erhält den stärksten Applaus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2011)

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