Tanz: Die andere Seite von Jerome Robbins entdecken

Ein Abend widmete sich drei anderen Werken des „West Side Story“-Choreografen, und sorgte für Begeisterung. Sowohl musikalisch als auch choreografisch bot der Abend eine atemberaubende Spannbreit

(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Einen raren Abend erlebte das Ballett-publikum am Dienstag an der Staatsoper: Das Staatsballett zeigte eine dreiteilige „Hommage an Jerome Robbins“ – und damit die in Wien eher weniger bekannte Seite des berühmten Broadway-Regisseurs und Choreografen (u.a. „West Side Story“). Sowohl musikalisch als auch choreografisch bot der Abend eine atemberaubende Spannbreite, die nicht nur den Tänzern, sondern auch dem Orchester (einfühlsam und erfahren: Dirigent Koen Kessels) Flexibilität und breites Können abverlangte.

Zu flirrenden Geigen und bummernden Trommeln der Minimal Music von Philip Glass hat Robbins 1983 seine „Glass Pieces“ kreiert, die den Abend eröffneten. Ein auch tänzerisch minimalistisches Repertoire an oft abrupten, teilweise puppenhaften Bewegungen der Kompanie, aus denen Solisten mit Sprüngen oder Pas de deux hervorstechen. Robbins spielt mit dem Eindruck monotoner Massen, lässt Tänzer eilig die Bühne queren, als Schattenfiguren aufmarschieren oder mit geballter Faust und strammem Bizeps ihre Männlichkeit demonstrieren. Der auch von ihm gestaltete Bühnenhintergrund erinnert an ein kariertes Blatt Papier – glatt, kühl, ebenfalls auf das Nötigste reduziert.

Das Publikum schien nicht restlos überzeugt, die Skepsis schmolz im zweiten Teil zu Frédéric Chopins Klängen (am Klavier: Henri Barda). Drei Paare lässt Robbins im wunderbar musikalischen Stück „In The Night“ vor kleinen, leuchtenden Sternen tanzen: Natalie Kusch und Andrey Teterin verkörpern eine romantische, junge Liebe – luftig, intensiv und unverbraucht. Olga Esina und Roman Lazik wirken reifer, fast erhaben und vermitteln tiefe Zuneigung, die auch den Schmerz schon kennt – das formidable Paar bezaubert bereits in den „Glass Pieces“. Feurig vor Eifersucht und sich verzehrender Hingabe ist hingegen der temperamentvolle Auftritt von Irina Tsymbal und Vladimir Shishov.

 

Slapstick unter Regenschirmen

Der dritte Teil des Abends ist Unterhaltung pur: In „The Concert“ stellt Robbins den Flügel auf die Bühne und lässt das Ballett zum Konzert antanzen, das sie in slapstickartiger Weise interpretieren. Charmant versteckt sich das Ensemble unter Regenschirmen, wenn bei Chopin die Tropfen perlen. Wirbeln die Finger wild über die Tasten, kann es schon passieren, dass die Ballerinen im Tutu sich im chaotischen Wirrwarr verheddern. Und wenn es der Komponist ganz dramatisch werden lässt, schleicht der frustrierte Ehemann (herrlich komisch: Eno Peci) mit Mordgelüsten um die Ehefrau, um später zu Chopins flatternden Klängen als Schmetterling seine Angebetete (Irina Tsymbal) zu umschwärmen. In „The Concert“ beweist Robbins sein Gespür für Musik – und Humor. Da war das Wiener Publikum hörbar begeistert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2011)

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