"Sister Act" im Ronacher: Spitzentöne für Schwerhörige

Bei der Premiere von „Sister Act“ gefielen vor allem die amüsanten Dialoge. Ana Milva Gomes als Whoopi Goldbergs Alter Ego ist eine souveräne Protagonistin. Einnehmend ist auch die zarte Novizin Mary Robert.

(c) REUTERS (HEINZ-PETER BADER)

Die Kirche mag in der Krise sein. Das Kirchen-Musical, das seit Donnerstag im Wiener Ronacher zu erleben ist, begeisterte das Publikum. In diesem fanden sich ungewohnt viele Vertreter der Kirche, Nonnen, Priester, an der Spitze Kardinal Christoph Schönborn. Sein Bruder spielt den Monsignore, der die Kathedrale an zwei reiche Russen namens Gorbatschow und Perestroika verkaufen will, muss, weil kein Geld mehr da ist. Michael Schönborn, schlaksig, subtil, hat den Priester offenbar gründlich studiert: Der Herr dominiert im Namen des Herren; wenn der Monsignore tanzt, merkt man, dass er als Asket dergleichen Selbstentäußerung nicht gewohnt ist, aber trotzdem mitgerissen wird von der Musik. Das ist alles stimmig und echt.
An Charakterköpfen fehlt es auch sonst nicht in dieser „Sister-Act“-Version: Ana Milva Gomes, eine hünenhafte Erscheinung mit mächtiger Stimme, spielt die Barsängerin, die, nachdem sie mit angesehen hat, dass ihr Mafia-Freund einen Kumpan erschossen hat, von ihm mit dem Tod bedroht wird – und im Kloster Schutz suchen muss. Von den Schwestern stechen die magere, scharfzüngige Mary Lazarus (Kathy Tanner) und die beleibte, fröhliche Mary Patrick (Sonja Atlas) hervor. Einnehmend ist auch die zarte Novizin Mary Robert (Barbara Obermeier). Dagmar Hellberg spielt die strenge Oberin. Drew Sarich („Rudolf“) bleibt als böser Mafioso blass. Aus seiner Gang fällt am meisten Martin Berger als Nonnen-Verführer Joey auf. Thada Suanduanchai hat sehr komische Momente als Polizist. Die Aufführung ist perfekt einstudiert, durchaus imposant diese Makellosigkeit, wenn auch etwas glatt.
„Wiener Fassung“ steht im Untertitel der Produktion. Sie kommt von Joop van den Endes Firma „Stage Entertainment“, die in Deutschland ca. 30 Aufführungen laufen hat, die meisten stammen vom internationalen, sprich: angelsächsischen Markt. Da war die künstlerische Freiheit wohl nicht groß.

Synthetische Aura in Bild und Ton

Die Kreation hat nicht den Patina-Charme des fast 20 Jahre alten Films, sondern zeigt eher die schematische Entwicklung, die das Musical genommen hat: Ein synthetisches Glitzer-Feuerwerk ist hier zu bestaunen, das sogar die kontemplativen Sphären erleuchtet. Jesus Maria! Sie thront als übergroße Statue im Hintergrund, umgeben von Kirchenfenstern. Dieser lackierte Stil gefällt dem Publikum – weil er sich überall implantieren lässt und den beliebten Wiedererkennungseffekt hervorbringt. Carline Brouwer, die sich bereits bei „Ich war noch niemals in New York“ bewährte, hat auch hier kundig inszeniert. Die größte Freude bereiten die witzigen und schlagfertigen Dialoge (Michaela Ronzoni, Werner Sobotka). Das am wenigsten befriedigende ist die Choreografie (Anthony van Laast): Die Nonnen rennen immer wieder wie aufgescheucht herum, was höchstens unfreiwillig komisch ist. Koen Schoots waltet im Orchestergraben, aus dem deutlich kantigere Töne dringen als unter Caspar Richter, der für eine Art wienerischen Swing sorgte. Etwas stimmt mit den Mikrofonen nicht. Die Akteure produzieren teilweise unglaublich hässliche Spitzentöne.
„Sister-Act“-Komponist Alan Menken gewann für Disney acht Oscars. Seine Musik klingt wie der fette, ja eben auch oft sehr synthetische Disney-Comic-Sound. Das Beste ist das Grausamste: „Ich mach sie kalt, die Braut!“ Wiens Musical-Bühnen – deren Intendanz nach dem Abgang von Kathrin Zechner zum ORF ausgeschrieben wird – sollten mehr kreativen Eigensinn entwickeln. Sie sind in Gefahr, vom holländisch-angelsächsischen Tanker abgeschleppt zu werden. Ein Kulturauftrag, der in diesem Genre klar auch dem Tourismus dient, lässt sich so nicht erfüllen. „Elisabeth“, „Rudolf“, „Mozart!“ – da muss es Originelleres geben.
Dompfarrer Toni Faber will „Sister Act“ in den Stephansdom einladen. Kein Zweifel, die Kirche kann mehr Show, Humor und Lebensfreude gebrauchen. Nicht nur jetzt.

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