Handke: Das Glück des Eigensinns

Nach Salzburg und Hamburg hatte „Immer noch Sturm“ in Wien Premiere: Ein erstklassiges Ensemble träumt und tanzt im sanften Blätter-Wirbel. Es gilt als Handkes persönlichstes Stück.

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(c) Ruth Walz

Nach einem Handke-Abend scheint vieles banal, was sonst auf der Bühne zu sehen ist. Seit Montagabend ist „Immer noch Sturm“ von den Salzburger Festspielen und dem Hamburger Thalia-Theater in Wien angekommen, leicht gekürzt, aber ohne Substanzverlust, dargeboten von einem blendenden Ensemble. Nur dreimal spielt die Burg die Uraufführung, erst im März wird „Immer noch Sturm“ wieder aufgenommen. Das wirkt angesichts der stark akklamierten Premiere kleinmütig.

„Das ist es, jetzt bin ich endlich hier!“ So beschreibt Handke in dem gemeinhin als Serben-Verteidigung gelesenen Buch „Abschied des Träumers vom Neunten Land“ (Suhrkamp) das Gefühl der Heimatlichkeit in Slowenien. Er wendet sich gegen den jedem Touristen bekannten „Schwafel und Schwefel entseelter Folklore“, freut sich am Reim-Paar „Kindlich/Unüberwindlich“ und behauptet – im Gespräch mit Ulrich Greiner („Zeit“) – die Position des Dichters als priesterlicher, wenn nicht gar göttlicher Offenbarer. Mit diesen Ansätzen ist schon viel über „Immer noch Sturm“ gesagt, das aber auch allerlei literarische Bezüge hat, von der antiken Tragödie über Goethe („Ihr naht Euch wieder, schwankende Gestalten“) bis zu Nestroy (Aus dem Häuptling Abendwind in Nestroys eminent böser Staats-Satire wird bei Handke Häuptling Morgenwind).

Möglich, dass der Handke-Spezialist Claus Peymann mehr schrägen Witz aus „Immer noch Sturm“ geschlagen hätte, aber die beiden Herren haben sich zerstritten. Zum Zug kam Dimiter Gotscheff, Bulgare, in der DDR sozialisiert, fester Regisseur am Deutschen Theater in Berlin. Der Mann scheut nicht Emotion, Sentimentalität, und das ist nicht das einzige Gute, was er dieser Inszenierung gab, die durch eine glasklar durchkomponierte sprachliche Gestaltung besticht – sodass sich ein skeptischer Habitué wunderte: „Es war gar nicht langweilig.“

Mit Jens Harzer als „Ich“ betritt das bisher beste Handke-Alter-Ego die Szene. Das lustigste war sicher Philipp Hochmair in „Untertagblues“ (2000 im Akademietheater), ein Sixties-Wutbengel mit bewusst bizarrer Perücke, aber Harzer bringt mehr Facetten: die gewittrige Wut, den Eigensinn, das ländlich Schrullige, den nachdenklichen Intellektuellen, der von seinen eigenen Emotionen mitgerissen wird zu mitunter wirren Ausbrüchen, vor allem am Schluss – und das Kind, süchtig nach Zärtlichkeit ebenso wie wissbegierig auf alles, was es zu durchschauen gibt oder eben nicht. Allein Harzers knarzig-singende Stimme ist ein Fest.

 

Alltagsthemen leuchten wie Elmsfeuer

„Immer noch Sturm“ gilt als Handkes persönlichstes Stück, aber so persönlich ist es auch wieder nicht. Gefühle werden ins Poetische, allgemein Gültige extrapoliert: Heimat, Kindheit („Ich“ dreht seinen Lebensfilm zurück zum Anfang und verschwindet wieder im Mutterbauch), Identitätsverlust eines Weltbürgers, Weltflucht, der Trost durch die Natur. Das Werk ist ein Gleichnis.

Die Geschichte der Kärntner Slowenen, das ist die politische Komponente, wird hier mit Zorn und Eifer aufbereitet – als ein Symbol für den Umgang mit Minderheiten in einer von Utilitarismus und Wirtschaftsinteressen gelenkten Welt. 1936 ist die rurale Idylle der Handke-Vorfahren noch einigermaßen intakt, noch einmal gibt es eine kurze Phase der Euphorie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, doch die meiste Zeit klammern sich die Akteure wie Schiffbrüchige an Schimären. Aus abgedroschenen Alltagsthemen wie Vergangenheitsbewältigung, Minderheitenprobleme, zaubert der Dichter Elmsfeuer. Es ist immer wieder erstaunlich.

Die Aufführung, die auf einer fast leeren Bühne in sanftem Blätter-Wirbel stattfindet (Bühnenbild: Katrin Brack), folgt dem Traumtanz des Textes. Bibiana Beglau ist die bei Handke des Öfteren auftauchende wilde Frau als Alter Ego, Spiegel und Abspaltung: Mit mächtiger Stimme erfüllt ihre stets vom Leben enttäuschte Ursula, „Snežena“ (die Schneeige) den Raum; Oda Thormeyer gibt die lebenslustige Handke-Mutter, deren leichter Sinn von den Zeitläuften unterminiert wird, in der Wirklichkeit wählte sie den Freitod. Mit einem Schrei, der durch Mark und Bein geht, verabschiedet sich die weißhaarige Großmutter (Gabriela Maria Schmeide) vom jüngsten Sohn Benjamin (Heiko Raulin), der im Krieg fällt. Hans Löw ist der Bonvivant Valentin. Tilo Werner spielt den Obstbau-Spezialisten Gregor, den ältesten der Brüder, Matthias Leja den markigen Großvater, in dessen Haus von Liebe nicht die Rede sein darf. Alle diese Figuren haben wohl etwas von Handke – dem sie gönnerhaft eine Zukunft als Autor oder Kassier prophezeien, was Heiterkeit erweckt.

Vier Stunden gewaltiger Dichtkunst ereignen sich im Burgtheater. Irgendwann einmal wird „Immer noch Sturm“, das hier gewiss von der Abstraktion profitiert, vielleicht mit Kärntner Slowenen als Original-Akteuren gezeigt werden, das Ergebnis könnte mindestens ebenso spannend sein. Die Gegenüberstellung von Handkes „Fahrt im Einbaum oder Das kurze Stück zum Film vom Krieg“, in Peymanns edler Regie 1999 im Burgtheater zu sehen – und, erdig-roh, 2004 in der Gruppe 80 –, war äußerst lohnend. Mehr Großmut für Handke, bitte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2011)

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