Das Wiener Schauspielhaus sucht Streeruwitz

Die Dramatisierung von Marlene Streeruwitz' Roman "Entfernung": Da haben sich Samuel Schwarz und Ted Gaier zu sehr angestrengt.

Wiener Schauspielhaus sucht Streeruwitz
Wiener Schauspielhaus sucht Streeruwitz
Streeruwitz – (c) Dapd

Drei Schauspieler basteln an den Requisiten. Das ist die Ausgangslage: Drei Schauspieler stehen auf der Bühne und biegen Kabel, knipsen Drähte ab, zerreißen Papier. Sie bereiten ein Stück vor. Viel Zeit haben sie nicht, die Stimme aus dem Off erklärt, die Location sei bald für ein Fotoshooting gebucht! Sie sollen sich beeilen! Und so beginnen sie also zu proben, rezitieren Passagen, fassen zusammen, korrigieren einander, fragen einander um Rat: Ist das zu leise? Soll ich es noch einmal versuchen? Bist du jetzt dran?

Ein Stück im Stück also. Nicht, dass das etwas Schlechtes wäre. Es ist ein Theatertrick neben anderen, immer wieder für überraschende Momente gut, Wolfgang Bauer war etwa ein Meister darin. Aber es ist auch ein gefährlicher Trick, weil er Theatermacher dazu verführt, sich zu distanzieren. Das ist wie mit der Selbstironie: Als Ausdruck von Stärke gedacht, kann sie von Schwäche zeugen. Selma, die Heldin von Streeruwitz' Roman, wüsste das.

Wobei zu Beginn diese Stück-im-Stück-Situation wenigstens nicht weiter stört: In regelmäßigen Abständen verlässt einer der Akteure die Bühne, um am Rand aus dem 2006 erschienenen Roman zu zitieren. Er handelt von einer ehemaligen Chefdramaturgin der Wiener Festwochen. Wir erfahren, wie sie vom Intendanten ihre Kündigung entgegennimmt. „Wir müssen uns von Ihnen trennen“, sagt er und meint, sie müsste das doch verstehen. Wir hören, wie Selma im Gefühl, „frauenzeitschriftenclever“ zu agieren, das Kondom in den Müll schmeißt, das sie im Reisegepäck ihres Mannes findet. Das Ergebnis des kondomlosen Verkehrs heißt Moritz.

 

Gekonnte Entfernung vom Original

In dieser Situation also, verlassen, arbeitslos, reist Selma nach London. Eine Chance hat sie noch! Sie trifft sich mit einem „Big Player“ des Theaters. Aber der will oder kann ihr auch nicht helfen.

So weit, so genau lauscht man dem Roman, wobei Samuel Schwarz seine Schauspieler im Verlauf des Abends sich immer weiter vom Original entfernen lässt. Und das ist der Clou des Abends: Die Schauspieler sprechen keinen „Text“, sie fassen zusammen, interpretieren, paraphrasieren, spinnen weiter, sie liefern also keine Dramatisierung, sondern Lesarten des Romans. Die sind komisch und schrecklich, und man könnte sich gut darin verlieren, könnte den Akteuren auf ihrer Reise noch viel weiter folgen, wäre da nicht: Ja wäre da nicht immer wieder dieses Stück-im-Stück, wären da nicht diese permanenten affigen, von der Claque mit hysterischem Gelächter quittierten Unterbrechungen: „Excellent darling“, ruft Vincent Glander. „Das ist mir zu nahe“, meint Veronika Glatzner. „Du stehst das schon aus!“, erwidert Barbara Horvath. Schon verstanden: Das Theater soll „mitreflektiert“ werden. Das wirkt reichlich angestrengt. Schade. best

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2011)

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