Das Schauspielhaus lässt in „Der Garten“ Morbides blühen

Uraufführung in Wien: Anja Hillings neues Stück "Der Garten" ist dunkel, poetisch und stark, wird vom Ensemble zum Leuchten gebracht. Der Metatext wuchert, es geht um Sprache, Distanz, um die Rolle des Künstlers.

Symbolbild
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(c) Clemens Fabry

Das Motto ganz am Anfang des Fünfakters „Der Garten“ bestimmt die Atmosphäre: „Der Aufruhr macht umsonst mir meine Fenster beben: Er wird mir nicht die Stirn von diesem Pulte heben.“ Anja Hilling hat sich dem magischen Dichter Baudelaire ergeben, das Zitat stammt aus „Die Blumen des Bösen“ (1857), einem Gründungsmanifest der Moderne. Auch in der Inszenierung Felicitas Bruckers wird gefährlich geblüht, die Pflanzen wuchern in einem großen Bild an der Rückwand und auf vier transparenten Wänden, die das Ensemble großzügig mit Farben bespritzt wie zur Persiflage.

Es wird gestorben, ein echter Liebestod, wie sich sehr bald in dieser Collage mit Rückblenden herausstellt. Die Musikredakteurin Antonia (Nicola Kirsch, ganz toll) besucht das Konzert des Rockstars Sam Embers (Thiemo Strutzenberger, seine Band „Beautiful Boys“ begleitet ihn). Embers steht vor einem Comeback. Er lädt Antonia zu sich ein, sie verliert im Garten die kritische Distanz, und bald liegen sie dort, überwuchert  von Giftgewächs, die Hände verschlungen wie Romeo, Julia, Tristan und Isolde, werden von zwei Polizisten entdeckt, deren profane Texte mitten im Morbiden einen Anflug des Komischen ahnen lassen (Vincent Glander und Steffen Höld spielen auch gekonnt die zwei Musikjournalisten Philipp und Sven als Borderliner).

Die Lyrikerin wird Friseurin

Antonia hingegen hat eine sehr reflexive Sprache, mehr noch als ihre Kollegen, und ihr Freund Martin (Max Mayer), die vergeblich auf sie warten. Sie wollen Antonias 35. Geburtstag feiern. Das Milieu von Spleen und Ideal wird gut getroffen. Eine Stimme der Normalität scheint Edith (Veronika Glatzner) zu sein, sie ist Friseurin, aber eigentlich – Lyrikerin. Katja Jung spielt die zynische Chefredakteurin Henriette, die an Krebs leidet und sich en passant mit Martin einlässt – dessen Beziehung zu Antonia ist im Endstadium. Sie wünscht sich ihn fort nach Kasachstan, wo er einen Forschungsauftrag ergattert hat.

Hillings anspielungsreiches Drama ist also auch eine konventionelle Beziehungskiste von Menschen, die früh in die Midlife-Crisis gekommen sind, aber es bietet viel mehr: Der Metatext wuchert, es geht um Sprache, Distanz, um die Rolle des Künstlers. Das ist ein bisschen viel, und in den gut eineinhalb Stunden ergeben sich auch einige Längen, aber Brucker hat die 78 Seiten beherzt zurechtgestutzt, vor allem die Allegorien der Blumen. Das schafft dem kleinen Ensemble Raum zur Entfaltung, gibt ihm Luft, denn einen so dichten Text zur Anschauung zu bringen, kann nicht leicht sein, es wurde aber bravourös gemeistert.

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