Oliver Kluck: „Höre am liebsten den Diktatoren zu!“

Der deutsche Autor Oliver Kluck spricht über sein Stück „Die Froschfotzenlederfabrik“, das im Kasino uraufgeführt wird. Den Klassikern sagt er gern Adieu. Seine Texte seien eine Art zur Unzeit explodierende Raketen.

(c) privat

Wie steht es mit der Gewichtung Klassiker, neue Stücke am Theater? Die Klassiker werden bald von den neuen Stücken beseitigt sein, weil immer weniger Leute sie verstehen. Was meinen Sie? Welchen Stellenwert wird die Literatur in – sagen wir – 100 Jahren überhaupt haben?

Oliver Kluck: Weg mit der Nostalgie, Zukunft ahoi! Den ganzen blödsinnigen Kanon, der überhaupt nichts besser gemacht hat, wie so ein zuckersüßes Bonbon einfach weggelutscht! Wunderbar! Ich hätte nicht gedacht, dass es so einfach wird. Als nächstes sind die wieder aufgebauten Barockkirchen und Stadtschlösser dran, das wird ein Spaß!

Wovon handelt „Die Froschfotzenlederfabrik“? Der Titel klingt irgendwie obszön.

Es geht um eine Fabrik, die Spezialkleidung für Neonazis produziert. Die Froschfotze dient uns als Leihwort für einen minderwertigen Ersatz in ungeahnter Verwendung. Ursprünglich gedacht als Darstellung gewisser Eigenschaften, fungiert sie nun als Steigbügelhalter für unsere Geschichte, als verunglückte Allegorie auf ein glückloses Leben

Wie haben Sie Ihren Stil entwickelt?

Es ist wie bei der Erfindung des Mondfluges. Als ich Leute einlud, die Rakete anzuschauen, explodierte die Rakete einmal vor, dann während des Starts. Jetzt, wo sie halbwegs fliegt und ab und zu dort ankommt, wo sie ankommen soll, denken einige, ich habe gerade erst mit dem Raketenbau angefangen.

Sind Sie ein Pessimist? Ein abgründiger Humorist? Ihr Stück erinnert an Thomas Bernhard.

Die Fähigkeit, über eine hoffnungslose Situation Scherze zu treiben, ist für die Bewältigung meiner Aufgaben durchaus hilfreich. Meine Situation ist wirklich aussichtslos. Wie ein Grubenpferd schufte ich in einem Beruf, der mehr ein Behuf ist. Für alles andere habe ich mich durch Unvermögen disqualifiziert. Das Stück entsteht übrigens am Theater. Ich habe nur den Text geschrieben.

Freut es Sie, dass Sie am Burgtheater eine Uraufführung haben – oder ärgert es Sie, dass es nur im Kasino ist? Stimmt es, dass neue Autoren zwar oft, aber auf den weniger wichtigen theatralischen Plattformen gezeigt werden?

Unterschiede gibt es lediglich beim Publikum. Das eine Publikum möchte gerne Bewahrer eines kulturellen Erbes sein, ein anderes möchte dieses kulturelle Erbe zerworfen sehen. Immer erwartet das Publikum das volle Programm in höchster Qualität. Hinzu kommt, dass es mit dem Schreiben nicht schwieriger sein kann als mit dem Klavierspiel. Man schlägt ein paar Tasten an, und schon ist es ein Dominantseptakkord.

Ärgern Sie sich manchmal über den Umgang der Theater mit neuen Texten?

Jeder, der spielen will, darf spielen. Es wird alles von jedem inszeniert. Bei den Inszenierungen ist vor allem darauf zu achten, dass die inszenierte Wirklichkeit der tatsächlichen Wirklichkeit entspricht, zumindest der Wirklichkeit der Theatermenschen, weshalb das Theater ohne Unterlass mit der Inszenierung des Theaters befasst ist.

Haben Sie eine politische Botschaft? Oder ist die Geschichte die Hauptsache? Oder die Sprache?

Bereits als Kind habe ich gerne den Diktatoren und Despoten zugehört. Bei ihnen wusste ich immer, woran ich bin. Jederzeit konnte ich mich über ihre Präzision freuen, und wenn mir doch einmal unwohl zumute war, brauchte ich nur den Fernseher auszuschalten. Bei den Demokraten ist es schwieriger. Bestellt man bei ihnen ein neues Leben, bekommt man ein ganz anderes – und nicht einmal zurückschicken kann man es, weil nie jemand verantwortlich sein will.

Sie gelten als „Meckermeister“ und „Nörgelprofi“, schrieb „Der Spiegel“, sind Sie ein Wutbürger? Tschechow hat einmal gesagt, man muss sich kühl an den Schreibtisch, den Computer setzen.

„Der Spiegel“ schreibt, was „Der Spiegel“ schreiben muss, was nur verständlich ist, da „Der Spiegel“, wie jedes andere Magazin, in erster Linie sich selbst verpflichtet ist. Was Tschechow sagt, ist richtig und wenn nicht, war es einen Versuch wert. Mit der Wut verhält es sich ähnlich. Lässt man sie zu, steht man da wie ein Idiot. Ist man ein Idiot, ist es vielleicht besser, als immer wütend zu sein.

Viele Menschen fürchten sich vor 2012: das Ende des Maya-Kalenders, die neue Wirtschaftskrise usw. Was wird am 21. Dezember 2012 passieren?

Da ich keinen anständigen Beruf ausübe und auch sonst nicht besonders seriös bin, benötige ich weder eine Uhr noch einen Kalender. Es ist alles nur eine Frage der Gewöhnung und vor der so genannten Krise braucht man überhaupt keine Angst zu haben, solange in den hell erleuchteten Häusern bereits wieder süßer Wein aus goldenen Pokalen gesoffen wird.

Was würden Sie mit viel Geld machen?

Ich brauche ein paar neue Schuhe und meine Brille habe ich auch schon wieder durchschaut. Ansonsten habe ich alles, was ich brauche und würde vielleicht dazu übergehen, mir etwas mehr Zeit zu leisten.

Woran arbeiten Sie momentan?

Am Aufbau einer Fabrik, in der sich die Texte von selbst schreiben, sodass ich nur noch die Rechnungen gegenzuzeichnen habe.

Auf einen Blick

Oliver Kluck, 1980 in Bergen auf Rügen geboren. Er brach sein Ingenieurstudium ab und wechselte zu Prosa und Dramatik, die er an der Universität Leipzig u. a. bei Roland Schimmelpfennig studierte. 2009 gewann Kluck den Förderpreis für junge Dramatik des Berliner Theatertreffens. Sein Stück „Die Froschfotzenlederfabrik“ zeigt die bizarre Familie eines Fabrikanten von Spezialkleidung für Neonazis. Die junge Regisseurin Anna Bergmann inszeniert. Es spielen Philipp Hauß, Alexandra Henkel, Michael König, Jana Schulz. Ab 21. Dezember; 22., 28., 29. 12.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2011)

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