Jennifer O'Loughlin widmet Bernstein ihre Koloraturen

Für "Candide", ewiges Sorgenkind des genialen Dirigentenkomponisten, bietet die Volksoper seine besten Kräfte auf. Die bunte Bilderfolge, die das Stück - nach Voltaire - braucht, muss im Kopf der Hörer entstehen.

(c) Volksoper

Das Beste ist ohnehin, sich in den eigenen Garten zurückzuziehen und, sagen wir, Bohnen hochzuziehen. Jedenfalls kommt Voltaires „Candide“ zu diesem Schluss, nachdem er als Weltreisender – auf der Suche nach seiner geliebten Kunigunde – das Elend und die Niedrigkeiten des menschlichen Lebens kennenlernen musste.

Dabei war Candide in dem Glauben aufgewachsen, in die „beste aller möglichen Welten“ geboren worden zu sein. Was der Philosoph Leibniz verkündet hatte, wurde vom französischen Spötter Voltaire einer gründlichen Dechiffrierung unterzogen: „Candide“ ist eine frech-hintergründige Abrechnung mit dem Optimismus aus der Feder eines Zynikers.

Das Buch kam sofort nach seinem Erscheinen, 1759, auf den Index – und wurde gerade deshalb zu einem legendären Pamphlet wider die politisch-humanistische Schönfärberei. Leonard Bernstein war so fasziniert vom Gehalt der bitterbösen Fabel, dass er sich entschloss, eine musikalische Komödie daraus zu machen.

Weil „Candide“ in dieser musicalartigen „Operetten“-Version allzu viele Szenenwechsel verlangt und in seiner komplizierten textlichen Situation nicht leicht zu dechiffrieren ist, blieb das Werk trotz seiner brillanten Musiknummern ein „pebble in my shoe“, wie sich Bernstein ausdrückte.

Vicco von Bülow alias Loriot fand den Ausweg. Er erarbeitete eine Textfassung, in der uns ein Erzähler (auf Deutsch) durchs Dickicht der Handlung geleitet: Robert Meyer wird lesen.

Das Ensemble (mit Stephen Chaundy und Morten Frank Larsen) darf das englische Original singen. Das freut „Cunegonde“ Jennifer O'Loughlin, die im Gespräch meint: „Ich habe vieles in der Volksoper in deutscher Übersetzung gesungen. Das war gut für mein Deutsch, aber die Originalsprache ist mir lieber.“

Mit dem frechen angloamerikanischen Musiktheaterton ist die Sopranistin seit Langem vertraut. Als Teenager sang sie Gilbert & Sullivan: „Da war ich vierzehn – und die Jüngste auf der Bühne.“

Seither hat sie nicht zuletzt als virtuose Zerbinetta in Strauss' „Ariadne auf Naxos“ Ovationen geerntet. Unlängst lernte man das Ensemblemitglied der Volksoper mit den nicht minder komplizierten Koloraturen der Konstanze in Mozarts „Entführung aus dem Serail“ an der Bayerischen Staatsoper kennen und schätzen. „Da bin ich eingesprungen“, sagt sie, „und gleich wieder eingeladen worden.“ Vor Staatsopern-Chef Meyer absolvierte sie jüngst ein Vorsingen. Wie das ausging? „Wie immer“, sagt O'Loughlin, „er sagte: ,Danke sehr.‘ Aber man hat mir versichert: So freundlich sagt er's nicht immer.“

Volksoper: „Candide“, konzertant: 22., 24., 26. und 29. Jänner

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2012)

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