"Das fliegende Kind": Kompaktausgabe antiker Tragödie

Im Akademietheater inszenierte Roland Schimmelpfennig sein neues Stück "Das fliegende Kind". Das Drama ist schwer symbolbeladen, aber etwas schmal geraten. Die Schauspieler sind konzentriert bei der Sache.

fliegende Kind Kompaktausgabe antiker
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Das fliegende Kind – (c) Dapd (Lilli Strauss)

Die Bühne des Akademietheaters wurde von Johannes Schütz symmetrisch und nüchtern ausgestattet. Links drei Sessel und drei Schutzhelme, rechts drei Sessel, im Hintergrund drei verschieden große, massive Glocken. Sonst ist alles schwarz. Das passt zum Drama Roland Schimmelpfennigs, „Das fliegende Kind“, das am Samstag von ihm in Wien uraufgeführt wurde: so viel Symmetrie, so viel aufgeladene Symbolik. Drei Frauen, um die vierzig, fünfzig, sechzig, drei Männer, um die vierzig, fünfzig, sechzig, führen eine Todesfuge auf. Knapp eineinhalb Stunden dauern diese fünf Akte, die Kompaktausgabe einer antiken Tragödie, die musikalisch angelegt ist, in Wiederholungen schwelgt und auch das Pathos nicht scheut.

Das Stück handelt von einem Kind, das von einem Auto totgefahren wird, nach einem Auftritt von Schulchören in der Marienkirche in Berlin ganz nah am Alexanderplatz, bei einem Laternenfest. Sankt Martin wird gefeiert, an einem dunklen Novembertag. Das Auto ist schwarz und groß, die Gedanken der Erwachsenen sind klein, verzagt, triebgesteuert. Dennoch entsteht manchmal etwas Poesie. Schimmelpfennig mixt Alltägliches mit Exotischem und Geheimnisvollem so, dass es Interesse weckt und sogar rührt, selbst wenn die Substanz in diesem Fall ein wenig mager geraten scheint. Er hat das Gefühl für den Rhythmus eines Dramas– diesmal eben eher eines Mikrodramas.

 

Opfer und Täter, Betrogene und Betrüger

Zum Glück für die Aufführung sind sechs äußerst disziplinierte Schauspieler am Werk, die so gut harmonieren, dass es niemals verwirrend, sondern immer bereichernd ist, wenn sie voneinander die Rollenspiele übernehmen. Sie sind eher Referierende als Handelnde. Zwar kann man Barbara Petritsch und Johann Adam Oest an sich den Sechzigjährigen zuordnen, doch sie übernehmen auch mit großem Können die Rolle eines Kindes und eines Glöckners. Regina Fritsch und Falk Rockstroh sind offensichtlich die Fünfzigjährigen, aber wenn sie mit den anderen die Szenen im brasilianischen Urwald (Symbol! Leben!) spielen, lösen sie sich ganz von diesen Rollen, so wie Christiane von Poelnitz und Peter Knaack als die Vierzigjährigen. Alle sechs sprechen auch als Opfer und Täter, Betrogene und Betrüger. Die Männer schlüpfen gelegentlich in den Part als Tunnelarbeiter, die Frauen in den der gestressten Lehrerinnen – alle unterbezahlt. So singt ein Chor, der das Unglück ahnt und beschwört. Denn dieses Stück geht ganz böse aus. Es wird der Tod eines Kindes vorausgesagt und vollstreckt, es werden die Konsequenzen für die Beteiligten ausgespielt. Wie jämmerlich wirken am Ende die kleinen Affären und schäbigen Betrugsversuche, wie kleinmütig scheint das Verzagen und Versagen im Alltag mit Kindern.

Den Schauspielern ist hoch anzurechnen, wie nahtlos sie in reduzierte Rollen schlüpfen, mit welcher Musikalität sie diesem streckenweise doch lähmend auf Wiederholung bauenden Text Bedeutung geben. Denn der ist, obwohl er Tiefe signalisiert, doch etwas einfach gestrickt. Allerdings lässt Schimmelpfennig vereinzelt auf knappem Raum Geheimnisvolles entstehen – etwa, wenn die Grubenarbeiter über Teilchenbeschleuniger (Symbol! All!) räsonieren und Angst vor dem großen Nichts erzeugen.

 

Hoch oben beim besorgten Glöckner

Das Magische ist zuweilen naiv, wie in den kontrastreichen Urwaldszenen, aber im Zentrum des Stückes, wenn es tatsächlich um das fliegende Kind geht, gelingt wirklich Poesie. Da müssen nicht einmal die Glocken läuten. Wir wissen bereits, dass ein Kind sterben wird, der große schwarze Wagen (Symbol! Tod!) ist unterwegs, da sitzt das kleine Opfer mit bunter Mütze oben auf dem Turm, bereit zum Sprung. Behutsam nähert sich der Glöckner, spricht leise auf den Buben ein, will ihn retten – aber das Kind kann doch fliegen! So wird das Schreckliche noch einmal erhöht, transzendiert. Man hat es auch en passant aus der Sicht des Fahrers gesehen, der ohne Licht und abgelenkt durch die Stadt braust, man erlebt es hilflos aus der Sicht der Mutter, die sich im Moment des Unglücks ihrem Lover zuwendet.

„Das fliegende Kind“ ist in seiner Banalität ein grausames Stück, es wird vom Ensemble konsequent vorangetrieben, sparsam in der Dramatik, zu Hause im Pathos und ganz im Ton eines bösen Märchens.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2012)

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