Kabarett: Vielleicht ist Gott ein Elektriker?

Gery Seidl füllt in „Gratuliere!“ die Wartezeit auf den Landeshauptmann mit Gedanken übers und Geschichten aus dem Leben. In kleinen Sketches zeigt er seine Wandlungsfähigkeit, in der großen Geschichte darf der Zuschauer auch mitdenken.

(c) Niedermair

Gery Seidl heißt in seinem neuen Programm nun auch Gery Seidl. Sein Sohn heißt Noah. Ja, hier muss man ein bisschen mitdenken, um den Schmäh zu erkennen. Nach diesem Einstieg dauert es lange, bis Seidl in seinem dritten Solokabarett „Gratuliere!“ wieder Dinge bietet, bei denen man stark mitdenken muss.

Das Setting ist schnell erklärt: Kurz nur will Gery Seidl im trostlosen Shopping-Areal in Langenrohr in Niederösterreich in das Möbelhaus hinein, um seinen verlorenen Autoschlüssel zu suchen, und schon empfängt ihn Blasmusik und ein Gaudimax-mäßiger Ansager durch den Lautsprecher. Denn Seidl wird als millionster Kunde des Möbelhauses gefeiert. Jetzt müssen alle nur mehr warten, bis der Landeshauptmann, „Eigentümer von Niederösterreich“, zum Fotoshooting per Hubschrauber anreist.

Die Wartezeit überbrückt Seidl mit Gedankenexkursionen übers und Geschichten aus dem Leben. Nur an eines denkt er nicht, dass er ja seinen Sohn beim Auto stehen hat lassen. Das Besondere an Seidls Kabarettstücken ist, dass er viel Platz für klassische, zum Publikum gewandte Monologe findet, dazwischen kleine, feine Sketches einbaut und doch insgesamt im Kopf des Zuschauers einen durchgehenden Film entstehen lässt

Zuerst geht es darum, was es heißt, nie im Leben Erster zu sein, welche Durchsetzungskraft eigentlich Zweitgeborene haben müssen (schließlich wäre ihr Entstehen ja vom Erstgeborenen, der breit zwischen den Eltern liegt und diese jeder Romantik beraubt, fast verhindert worden), wie wertvoll der gute alte Schilling war, welches dunkle Universum Damenhandtaschen beherbergen, etc. Und dann wachsen aus manchen der kleinen Gedanken größere Geschichten heran. Wie die vom Onkel Heinzi, dessen Frau Mitzi wie eine Knackwurst in der Kleiderschürze steckte und nur einmal den Bärlauch mit  Maiglöckerln verwechselte. Dafür züchten die Seidls nun Paradeiser und Kopfsalat am Grab vom Onkel: „Düngen tut der Onkel Heinzi“.

Oder die vom esoterischen ÖAMTC-Mitarbeiter Herr Glück, der erkennt, dass Seidl bereits sein hundertes Leben auf Erden lebt. Spätestens hier kommt man wieder zum Nachdenken in diesem Stück: Was ist Glaube? Was passiert nach dem Tod – bzw. was passiert mit unserem Geld nach dem Tod? Sterben arme Menschen einfach nur zu spät, für kürzer würde ihr Geld schon reichen? Ist es eine Tragik, dass es uns nicht besser gehen kann als jetzt? Und ist Gott Elektriker? Schließlich entscheidet er, wann das Licht ausgeht.

Und als in Seidls Kabarett dann tatsächlich das Licht ausgeht und ein Starkstromkabel den Lauf seines Lebens verändert, muss man wirklich stark mitdenken, um beim fulminanten Finale alle Wendungen zu verstehen. Das erfreut nachhaltig und macht Lust auf mehr. Weswegen Seidl auch selbst auf seine Zugabe pocht: Nicht nur ihm gefällt der verträumte Song, in dem er fast so klingt wie Josef Hader in seinen frühen Liedern.

Weitere Termine: 15.2., 22.2., 29.2.: Kabarett Niedermair.

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