Schauspielhaus Wien: Peter Lichts Geiziger spart am Sinn

Bastian Kraft inszeniert „Ein Familiengemälde nach Molière“ mit echten Komikern. Es gibt auch etwas zu lachen, doch das Warten dazwischen strengt an.

(c) Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Wie leben reiche Leute, die geizig sind? Bei Molière kann man trotz dieser Todsünde davon ausgehen, dass sie einen gewissen höfischen Standard wahren, Eleganz zeigen. Aber davon ist in dieser zeitgenössischen Version des Schauspielhauses nicht auszugehen, da haust man geschmacklos wie bei Al Bundy. Das Bühnenbild wurde für die Premiere am Donnerstag von Peter Baur besonders abgerissen gestaltet: Ein schwarzer Mülleimer, eine hässliche gelbe Holzwand vor einem schmalen, fahrbaren Kasten. Wenn man ihn umdreht, offenbart er eine grauenhaft enge Wohnung in Weiß, die per Beamer manchmal eingefärbt wird. Das sind die Voraussetzungen für PeterLichts „Der Geizige. Ein Familiengemälde nach Molière“, das von Bastian Kraft (*1980) inszeniert wurde.

Ein Detail aber ist herzig. Vor der Holzwand stehen zwei Sparschweine in einem kleinen umzäunten Kunstgarten vor einer winzigen Hütte. Das bringt ein bisschen Rosa und Grün in diese moderne Ödnis. Nachdem die Schweinchen mit Münzen gefüttert wurden, wackeln sie und quieken. Sie sind die heimlichen Stars dieses durchwachsenen Abends, der von großartigen Schauspielern getragen wird, in einem wesentlichen Punkt geizt. Im Sinn. Der Text hat zwar spielerische Höhepunkte, geht aber viel zu verschwenderisch mit Abschweifungen und wilden Assoziationen um, die innerhalb von zwei Stunden Ermüdungseffekte bewirken. Man hantelt sich in dieser Aufführung also zu mehreren starken Passagen, dazwischen aber gibt es Strecken voll Ennui. Von Molière sind nur die Namen und die Grundsituation geblieben und als Echo ein paar Barockmusik-Stücke, ansonsten war der preisgekrönte deutsche Indie-Pop-Musiker und Autor kräftig auf dem Egotrip, während der Regisseur sich offenbar auf die Tugenden des Ensembles konzentriert hat.

 

Gelbes Fett, schmutzige Hosen

Wo also liegen die Stärken? In der Situationskomik zum Beispiel. Vincent Glander, der Cleante, den Sohn des geizigen Harpagon (Johannes Zeiler), spielt, ist ein Meister darin. Wenn er mit diesem in nichtssagenden Stummelsätzen über eine Apanage feilscht, reizt er das Zwerchfell. Wenn er mit dem nicht nicht minder komisch begabtem Max Mayer (als Valère, Lurker und Freund) traurige Themen wie veruntreute Patenschaften für die Dritte Welt zum Spaß missbraucht, ist das große Kleinkunst. Dazu kommen noch die tollen Komödiantinnen Veronika Glatzner (als Tochter Elise) und Katja Jung in der Doppelrolle Onkeltante Jakob. Es wird gekämpft und geturnt zwischen Treppe, Luster und Waschmaschine, es wird in fremden Zungen telefoniert. Es wird gequatscht. Sehr viel. Zu viel. Schwächen in der Besetzung sieht man aber keine. Im Gegenteil, das Ensemble wurde sogar verstärkt; Zeiler, der eben als Faust im Film brilliert hat, gibt eine intensive, glaubhafte Vorstellung des Geizigen. Er hat ein furioses Solo, in dem er gegen die Verschwendung wettert. Aber selbst diese Szene ist zu lang, der Stoff wird leider überdehnt. Ein halbes Stündchen weniger hätte dem Abend, der vom Publikum mit heftigem Applaus bedacht wurde, wahrscheinlich gut getan.

Was bleibt von diesem Familiengemälde in Erinnerung, das in einem ersten Schluss tödlich endet, um dann großzügig in einer Draufgabe als Schnulze zu enden? Gelungen sind die Wutbürger-Passagen der Jungen gegen die Alten, eindrucksvoll sind die Assoziationen, in denen die Auswüchse der Konsumgesellschaft mit der Krankheit gelber Fettleibigkeit verbunden werden, lustig ist die Phänomenologie der schmutzigen Hosen. Da darf sich die Jugend austoben. Jeder der fünf auf der Bühne kriegt sein Gustostück. Das zerhackte „Neusprech“ aber, mit dem die Schauspieler in den ersten Szenen einige Lacherfolge erzielen, beginnt mit der Zeit zu nerven, es legt sich wie Mehltau über die Sprache. Ei, Amigos, der Text gehört abgespeckt! Sonst Laune null statt Happy End.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2012)

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