"Winterreise": Jelineks Wortgebirge

Dorothee Hartinger und Simon Kirsch proben "Winterreise". Ein Gespräch über sportliche Herausforderungen im und fürs Theater.

Winterreise Jelineks Wortgebirge
Winterreise Jelineks Wortgebirge
(c) Zötl

In Elfriede Jelineks „Winterreise“, ab fünften April im Akademietheater zu sehen, geht es um Schuberts gleichnamigen Lieder-Zyklus – und um österreichische Skandale. Die Nobelpreisträgerin macht sich – nach dem Muster ihres Börsenstückes „Die Kontrakte des Kaufmanns“ – grimmig lustig über die nach Milliardenabschreibungen im Balkangeschäft notverstaatlichte Hypo Alpe Adria, und sie beschäftigt sich auch mit der medialen Jagd auf Natascha Kampusch, ergreift die Partei des Entführungsopfers. Auf einer schwarzen glatten Schräge, einer Kletterwand (Bühne: Olaf Altmann), inszeniert Stefan Bachmann das Stück. Sechs Schauspieler und ein Sänger interpretieren die typisch Jelinek’sche Sprachoper, in der Wilhelm Müllers Texte zu bekannten Liedern wie „Am Brunnen vor dem Tore“ umgedichtet, weitergesponnen werden. Simon Kirsch, am Burgtheater zu sehen etwa als Sebastian in Shakespeares „Was Ihr wollt“ oder in „Peter Pan“, sowie Dorothee Hartinger, seit 2002 im Burg-Ensemble in vielen Rollen zu erleben, erzählen im Gespräch mit dem „Schaufenster“ vom Erklimmen Jelinek’scher Wort-Gebirge und wie man sich fit hält für die heutzutage auch körperlich anspruchsvolle Bühnenkunst, die beinahe artistische Fähigkeiten verlangt.

Johan Simons, Intendant der Münchner Kammerspiele, inszenierte 2011 die Uraufführung von Elfriede Jelineks „Winterreise“, u. a. ein gespenstisches Österreich-Panorama. Das Buch fasst 128 Seiten, der Theatertext fast 80. Da ist es schon eine Art Sport sich seine Rollen zu merken, stelle ich mir vor.


Dorothee Hartinger: Es wird kräftig gestrichen.
Simon Kirsch: Wir sind mittlerweile bei 48 Seiten.
Hartinger: Elfriede Jelinek sagt selbst: Ihre Texte sind frei, jeder soll damit anfangen, was er will. Es gibt sogar Aufführungen, in denen fast kein Wort mehr von Jelinek vorkommt, wenn sie an „Bambiland“ denken, das Christoph Schlingensief am Burgtheater inszeniert hat.

Worum geht es in der „Winterreise“?

Kirsch: Auf den ersten Blick geht es um Phänomene wie Natascha Kampusch, den Hypo-Alpe-Adria-Skandal oder Demenz, aber ganz zentral bleiben dabei die Motive aus Schuberts Winterreise. Sie macht daraus ihre eigene Geschichte.

Hartinger: „Die Winterreise“ von Müller und Schubert handelt von einem Menschen, den die Gesellschaft ausgestoßen hat, der mit einer schweren Depression kämpft bis hin zur Todessehnsucht, Gedanken an Suizid. Das Jelinek-Stück ist eine heutige Version davon. Auch Natascha Kampusch ist ja eine von der Gesellschaft Ausgestoßene: Erst war sie über acht Jahre lang im Keller gefangen und jetzt ist sie noch einmal Opfer.

Jelinek hat auch Humor, was man früher nicht so deutlich gesehen hat. Wie ist das bei der „Winterreise“?

Kirsch: Wenn man ihre Texte immer wieder liest, merkt man, dass sie nicht nur unglaublich sprachgewandt ist, sondern es liegt ein feiner Witz in dieser Sprache.

Frau Hartinger, Ihr schauspielerischer Durchbruch war das Gretchen in Peter Steins Inszenierung beider Teile von Goethes „Faust“ 2000: Eine Tournee-Produktion und ein starkes Kontrastprogramm zum Frankfurter Schauspielhaus, wo Sie damals engagiert waren. Wie haben Sie das erlebt?

Hartinger: Ich hatte in Frankfurt harte Zeiten. Das Theater hatte wenig Zuschauer und war sehr angefeindet in der Stadt. Ich war damals 1998 gerade fünf Jahre am Theater. Da war es für mich ideal, auf einen Meister wie Peter Stein zu stoßen, der mir die Basics noch einmal beigebracht hat. Außerdem habe ich mich einfach gefreut, das Gretchen ist eine der bestgeschriebenen Frauenrollen der klassischen deutschen Literatur, die Kerkerszene ist ein Geschenk für jede Schauspielerin. Natürlich war es ein Kraftakt 75 Mal über zweieinhalb Jahre diese Rolle zu spielen, aber auch sehr leicht, weil es einfach ein wunderbares Stück ist.

Ist es anders, Klassiker zu spielen als Jelinek?

Kirsch: So ein klassischer Text gibt sofort subjektiv viel mehr vor. Wenn man ein Problem hat, muss man genau lesen, dann findet man heraus, wie das zu sprechen und zu spielen ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich zum ersten Mal Jelinek spiele und es mir manchmal sehr schwerfällt, den Sinn aus diesem Text-Konvolut herauszufinden, es gibt auch sehr viele Widersprüche. Für mich bleibt es vorläufig mehr ein Rätsel, aber ich glaube, das ist auch eine Qualität.

Die Schauspielerei war lange Zeit in der Theatergeschichte statisch bzw. mit wenig Bewegung verbunden. Bei einem Monolog konnte der Mime an die Rampe treten – und quasi seine Arie „singen“. Heute müssen Schauspieler Wände erklimmen, auf dem Kopf stehen und trotzdem verständlich sein. Wie gehen Sie mit diesen Herausforderungen um?

Kirsch: Ich lese gerade von David Mamet das Buch „Richtig und Falsch“ (Kleines Ketzerbrevier für Schauspieler, Alexander Verlag). Da sagt Mamet sinngemäß, dass der Sport sehr verwandt ist mit der Schauspielerei: Der Schauspieler macht erstmal nur Sport, mit seiner Stimme, mit seinem Körper.
Hartinger: Wichtig ist, konzentriert und bei sich zu bleiben. Wenn ich eine halbe Stunde schwimme vor der Probe, dann habe ich das Gefühl, ich bin in einem warmen, wachen, gleichzeitig entspannten Zustand. Man kann auch meditieren oder Musik machen. Für mich ist das Schwimmen ein meditativer Akt. Leider kann ich das jetzt nicht mehr so oft machen, da fehlt mir neben Beruf und Kind die Zeit, dafür habe ich aber auch andere Sachen gemacht, sehr lange Aikido, das ist abgeleitet von asiatischen Kampfsportarten, hat aber selbst mit Kampfsport nur mehr rudimentär zu tun. 18 Jahre lang habe ich Ballett getanzt, aber nicht als Profi. Ballett ist immer noch die Urform des eleganten Sichbewegens und Beherrschenkönnens des Körpers, eine Beherrschung in der Leichtigkeit. Ich habe auch Fechten gelernt in der Schauspielschule.
Kirsch: Ich mache hauptsächlich Krafttraining im Fitnessstudio, Ausdauertraining. Ich gehe laufen. Seitdem wir die Winterreise proben, bin ich auch in der Kletterhalle, das werde ich weitermachen, weil mir das Spaß macht. Ich komme immer schon eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung ins Theater und mache Yoga, das ist meine Form, mich zu sammeln.

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