Dolce After Ghana: Die geile Freiheit

Djana Covic von Dolce After Ghana über praktischen Feminismus, politische Brüste und die Vermarktung des weiblichen Körpers.

(c) Siobhán Geets

Mit „The End of Feminism (as we knew it)“ bringen Dolce After Ghana (Djana Covic, Nadine Jessen, Johannes Maile) eine „Theorie und Wrestling-Performance“ auf das Donaufestival in Krems. Im WUK gab es im April einen Vorgeschmack darauf: In einem Ring kämpften Wrestler (Frauen und Männer), daneben fand ein Exorzismus statt und die Kunstfigur „Heidi Hitler“ rief die Diktatur der Titte aus. Die Aktionistinnen waren barbusig und tanzten den „Tittenpower-Tanz“. Dolce After Ghana (früher Dolce & Afghaner) ist ein seit 2009 aktives Performance-Label und führend in den Kunstrichtungen Dark Pop und Errorismus. 2009 wurden sie mit dem niederösterreichischen Performance-Preis ausgezeichnet.

Waren Sie zufrieden mit Ihrem Auftritt im Wiener WUK?
Ja, sehr. Proben gab es keine, wir haben das zum ersten Mal gemacht, als dezentralisierte Aktion mit nonlinearen Strukturen. Die insgesamt 25 Leute kannten sich gar nicht: Performer und Künstler, Wrestler und Rollergirls. Jetzt haben wir Erfahrungswerte gesammelt und können uns beim Donaufestival besser koordinieren. Es funktioniert nicht immer alles auf Anhieb – so ist das in einer neuen Bewegung.

Was will diese Bewegung, was ist die Kernbotschaft?

Wir wollen auf jeden Fall alles, und wir sind viele. Ich habe mir mit Johannes Maile und Nadine Jessen überlegt, was das eigentlich heißt, Feminismus. Es gibt ja viele Strömungen. Der Titel „The End of Feminism (as we knew it)“ ist entlehnt von Gibson-Grahams „The End of Capitalism (As We Knew It)“. Die Behauptung im Titel löst Reaktionen aus: Welchen Feminismus wollt ihr denn beenden? Wir wollen einfach mal alles ineinanderwerfen, anstatt nacheinander zu behandeln. Und mitreinnehmen, was schon vor 20, 30 Jahren war, aber ohne langweilige Besprechungen. Das geht auch geiler, das geht heftiger. Das Bedürfnis, Dinge auseinanderzuhalten und zu separieren, ist problematisch, finde ich. Kunst hat ja die geile Freiheit, alle Dinge vermischen zu dürfen.

Sie dachten: Genug Theorie, wir werden jetzt praktisch?
Ja, genau. Das ist auch ein Angriff auf die eigenen Reihen. Nicht jeder will alles ausdiskutieren, das ist ja furchtbar. Keine Theorie ohne Praxis, bitte! Es geht auch um eine militante Selbstuntersuchung: Welches Leben führe ich eigentlich? Alle beschweren sich, fühlen sich so prekär, aber wir haben keinen Bock mehr auf diese Opfermentalität. Dann lieber Offender sein: Payday statt Mayday!

Und was hat das alles mit Feminismus zu tun?
Das Thema flammt gerade wieder auf, auch in akademischen Kreisen. Ja, es ist Zeit, dass wir über Rollenverständnisse und Körperverhältnisse sprechen. Aber es geht nicht nur um Männer und Frauen. Was soll der Geiz? Wir haben auch Corinna Korth vom Institut für Hybridforschung eingeladen, die über Mensch-Tier-Verhältnisse forscht. Das ist genauso wichtig wie das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Man muss noch viel radikaler sein, noch einen Schritt weiter denken, andere Aspekte miteinbeziehen. Es geht auch um die Arbeitsverhältnisse. Wir wollten einen Brückenschlag wagen: Was hat denn Arbeit mit Geschlechtern zu tun? Ursprünglich wollten wir das Projekt ganz transparent machen, im Sinn einer militanten Selbstuntersuchung: Wie viel Geld wir für das Projekt bekommen, wie wir arbeiten etc.

Auf wen beziehen Sie sich, wer hat Sie inspiriert?
Da fällt mir Laurie Penny ein mit ihrem „Riot, don’t diet!“: Würden wir Frauen eines Tages aufstehen und zufrieden sein mit uns, uns wohl und stark fühlen, dann würde die Weltwirtschaft sofort zusammenbrechen.

Weil mit dem weiblichen Körper so viel Geld gemacht wird?
Ja. Penny gibt mir so viel Energie. Das ist keine trockene Theorie, das kann ich mir vorstellen, das kann ich leben, ich weiß, wie sie es meint.

Der weibliche Körper spielt eine wichtige Rolle in der Performance. Plädieren Sie dafür, dass Frauen ihren Körper als Waffe einsetzen?
Ja, sicher. Waffen strecken, Brüste recken. Kampftittenmäßig. Cicciolina (Anna Ilona Staller, ungarisch-italienische Pornodarstellerin, Sängerin und Politikerin, Anm.) hat inspirierende Dinge getan. Sie bot Saddam Hussein an, mit ihm zu schlafen, wenn er aufhört, Kriege zu führen. Titten waren schon immer politisch, das ist heute auch noch so. Warum sollten wir das Rad neu erfinden? Ich weiß auch nicht, was der neue Feminismus ist. Aber es ist sicher mehr, als Männer, Frauen und die Genderdiskussion.

Was sollen die Zuseher denn aus dem Stück mitnehmen, wie soll sich ihre Haltung ändern?
Das ist eine wichtige Frage. Es geht um Empowerment. Nach der Performance waren die Leute energetisiert, sie haben teilweise mitgemacht, waren übermütig. Man spürte ihre Lust an einer Umgebung, die viel zulässt, in der Reibung möglich ist.

Was kann man am 5. Mai erwarten?
Die Performance im WUK war erst der Anfang. In Krems soll es dann mehr Theoretisches geben, die Menschen sollen auch mehr mitmachen. Für danach haben wir Anfragen aus dem Ausland, die wir wahrnehmen werden. Wir haben so viel in das Projekt hineingesteckt, ich glaube, das wird uns noch länger begleiten. Wie ein Haustier, das man sich angelacht hat.

Nachdem Ihnen das Land Niederösterreich den Performance-Preis verlieh, bezeichnete ein Vertreter der FPÖ Sie als „durchgeknallte Anarcho-Aktivisten“. Ist das ein Kompliment?
Ja, sicher. Wenn Leute aus diesen Reihen so reagieren, dann weiß man, dass man alles richtig gemacht hat.

Maskiert

Johannes Maile und Djana Covic im Wiener WUK, wo sie ihre Performance Ende April das erste Mal aufführten.

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