Meisterhaftes Spiel mit Bulgakows Teufeleien

Simon McBurney triumphiert mit "The Master and Margarita" bei den Wiener Festwochen an der Burg. Entscheidend für den Erfolg ist aber nicht das kongeniale Beiwerk, sondern das überragende Charisma der Schauspieler.

Meisterhaftes Spiel Bulgakows Teufeleien
Meisterhaftes Spiel Bulgakows Teufeleien
(c) FABRY Clemens

Michail Bulgakows Opus magnum „Der Meister und Margarita“, eine wahnwitzige Satire auf den Stalinismus, die auch ein Gleichnis auf Terror, Tod und Teufel im Moskau der Dreißigerjahre sowie im Jerusalem zur Zeit Christi ist, zählt zu den großen Romanen der Weltliteratur. Zugleich thematisiert er die Tücken des Schreibens in finsterer Zeit. Seine Bilder sind eindringlich. Wer würde jemals vergessen, wie der Kopf des Kulturfunktionärs Berlioz übers Pflaster rollt, wie Pilatus beim Verhör des Jeshua unter Kopfschmerz und Hitze leidet, wie Margarita als Hexe über Moskau fliegt? Satan Voland, der als Professor für schwarze Magie die Erde heimsucht, wird vom mannsgroßen Kater Behemoth begleitet. Rot glühen dessen Augen. Die Hauptstadt ist ein Irrenhaus. Das bleibt haften.

Die Dramatisierung des fantastischen Werkes ist wegen dessen Fülle riskant. Regisseur Simon McBurney aber, der mit seiner Londoner Truppe Complicite eine dreieinhalbstündige, englische Fassung erarbeitet hat, gelingt mit „The Master and Margarita“ ein Triumph des Theaters. Am Freitag gab es an der Burg beim Gastspiel für die Wiener Festwochen die Premiere im deutschsprachigen Raum. Sie wurde zu Recht mit stehenden Ovationen bejubelt, denn hier sieht man, wie 16 Darsteller, Puppenspieler des Blind Summit Theatre, Musiker, Licht- und Videokünstler (Finn Ross) ein Gesamtkunstwerk entstehen lassen, das den Roman tatsächlich bereichert.


Viel Raum für Fantasie. Die große Bühne wird von Es Devlin dürftig ausgestattet. Eine Reihe mit Sesseln, eine Mauer für die Projektion von Häusern und Stadtplänen dahinter, ständige Präsenz der Schauspieler, von denen dann eine Gruppe oder ein Einzelner im Rampenlicht steht – sonst aber ungeheuer viel Raum für Fantasie. Für diese Aufführung werden aufwendige Videos, fetzige Musik und auch einfache Requisiten so intelligent verwendet, dass sie sich immer perfekt funktional einfügen. Diese Schau mit ihren rasanten Bildfolgen, in denen immer wieder ein Porträt von Big Brother Stalin auftaucht, ist ästhetische Raserei. Schneegestöber führt zum Wahn, Fliegenschwärme evozieren Folter, Tod. Nur ganz wenige Passagen lassen gegen Ende ermüden, vielmehr aber wird man visuell an die Grenze getrieben, verfällt in Schwindelgefühle, wenn sich die Stadt aus der Satellitenperspektive zu drehen beginnt, wenn Häuserfronten unter teuflischer Einwirkung einstürzen, wenn die Stühle, auf diese bröckelnde Front projiziert, plötzlich wie ein galoppierendes Pferd erscheinen. Das ist tatsächlich Zauberei, wie sie Voland im Varieté versprochen hat.


Liebestolle Hexe. Entscheidend für den Erfolg ist aber nicht das kongeniale Beiwerk, sondern das überragende Charisma der Schauspieler, etwa von Sinéad Matthews als zarter, liebender Margarita, die sich in eine tolle Hexe, eine nackte Ballkönigin verwandelt, Menschen reihenweise erschießt und dabei „hocherfreut“ Freiheit im Mund führt. Paul Rhys ist ihr leidender Meister, der den Roman im Roman erdacht hat, ehe er im Irrenhaus landet. Zugleich brilliert er als Voland mit Hasenzähnen und deutschem Akzent – ein angsteinflößender Dr. Strangelove.

Nicht nur Rhys spielt Voland, sondern auch Cesar Sarachu, der zuvor den leidenden, vor Angst starren Jeshua gab. Nachdem er sich seines schwarzen Satansmantels entledigt hat, umarmt er nackt den depressiven Pilatus: „You are free!“ Freiheit wovon? Freiheit wofür? Um sich wie Margarita aus dem Fenster zu stürzen? So eine sollte zuvor einen Pakt mit dem Teufel schließen, der ihr beibringt, wie man wirklich fliegt und was es mit dem Mitleid tatsächlich auf sich hat.

Termine im Burgtheater: 3. Juni, 14.30 und 19.30 h, 4. Juni, 19.30 h

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2012)

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