"Tatort" Kiel: Sibel, Stuhlbein, Schraubenzieher

"Borowski und das Fest des Nordens" - ein verstörender, dickflüssiger Fall über einen Vater und seine Verzweiflung - ist der letzte "Tatort", den Axel Milberg und Sibel Kekilli als Duo bestreiten. Zum Glück.

Tatort: Borowski und das Fest des Nordens
Schließen
Tatort: Borowski und das Fest des Nordens
Zum letzten Mal ermitteln Borowski und Brandt gemeinsam: Sibel Kekilli verabschiedet sich aus dem "Tatort". – (c) NDR/Christine Schroeder

Unsere Wertung:

5 von 10 Punkten.

Worum geht's in "Borowski und das Fest des Nordens"?

Roman (Mišel Matičević) kommt nach Kiel: Er ist ein windiger Typ, leicht zerschlissenes T-Shirt, schmirgelige Jeans, Reisetasche, keine Manieren, oder eher: ein Aggressionsproblem. Eine wahnsinnig anhängliche Geliebte hat er auch. Und kleine Kinder, die er nicht wiedersehen soll, das macht ihm seine Exfrau (Franziska Hartmann) klar - seit der Trennung von ihr lebt er in leerstehenden Häusern, treibt sich im Drogenmilieu herum. Sein Job ist schon länger weg. Wie ein einsamer Wolf streift er durch die Stadt, die sich gerade auf eine Open-air-Großveranstaltung vorbereitet; gleich danach wird er zum Doppelmörder: einmal per Stuhlbein, einmal per Schraubenzieher. Als die Kommissare Borowski (Axel Milberg) und Brandt (Sibel Kekilli) schließlich herausfinden, dass Roman Sprengstoff bei sich hat, muss die Ermittlung plötzlich in eine andere Richtung gehen.

Worum geht's wirklich?

Um die absolute Verzweiflung: Was, wenn einem alles genommen ist, das einem am Herzen liegt? Und man gar selbst daran Schuld ist? Roman hat keine Bindung mehr an irgendetwas - Menschen sind ihm egal geworden, und seine Kinder sind de facto unerreichbar für ihn. Eine Aufgabe hat er keine mehr, er hat sich aufgegeben. Warum macht er weiter? Für Kommissarin Brandt wird er so zur größtmöglichen Gefahrenquelle, für Kommissar Borowski zu einer interessanten Figur, die er verstehen möchte. Die Unterschiede in der Einschätzung des Mörders Roman führen zu enormen Verstimmungen zwischen den Ermittlern. Beide erfüllen antiquierte Geschlechterklischees perfekt: Brandt als die Hysterische, Borowski als der Macho.

Worum geht's noch?

Sucht ist das implizite Motiv dieser "Tatort"-Folge. Borowski hat ein Alkoholproblem, Brandt kämpft mit ihren Tabletten, und die Figur des Roman führt den Zuseher ein in das Drogenmilieu. Und ringsum die Großveranstaltung mit ihren Betrunkenen, Torkelnden, Taumelnden.

Wer ermittelt?

Axel Milberg gibt seinen Klaus Borowski - diesmal ist der leicht verwahrlost und sehr milde. Sibel Kekilli als Sarah Brandt hingegen nervt gleich beim ersten Auftritt: Ihre Sprache ist langsam, langgezogen und affektiert, ihre Sätze klingen enorm nach auswendig gelerntem Text und dessen Trockenprobe - und nicht nach einer echten Figur. Die emotionale Tiefe ihrer Rolle lässt sich in langsame Sätze einerseits und Herumgeschreie andererseits einteilen. Dass Kekillis Kommissarin eigentlich mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat, kommt dabei ganz und gar nicht gut heraus. Kekilli spielt, mit Verlaub, einfach unglaublich schlecht. Blöderweise ist Kommissarin Brandt in dieser Folge ein essenzieller Part zugeschrieben: Würde Kekilli nicht auf eine schlechte Art derartig entfesselt spielen, könnte der schwelende Konflikt zwischen ihr und ihrem Kollegen Borowski tatsächlich ganz interessant sein. So wünscht man sich, sie würde einfach nur verschwinden. Was sie, im Übrigen, schlussendlich auch macht: "Borowski und das Fest des Nordens" ist der letzte "Tatort", in dem Kekilli mitspielt. Sarah Brandt ist somit Geschichte - warum sie geht, wohin sie geht, bleibt dabei offen.

Was gefällt?

Die Himmel sind wolkenverhangen, pink und orange und grau gleichzeitig. Die Zimmer, in denen Roman Unterschlupf sucht, weiß und blau und manchmal türkis. „Borowski und das Fest des Nordens“ ist vor allem ein Farbenfest des Nordens. Das "Tatort"-Team adaptierte zudem Stoff von Henning Mankell für die Folge, und das ist freilich ein Match made in heaven, im nordischen Heaven, klarerweise. Alles in allem: Ein schön gezeichneter, untypischer "Tatort", der immer brutaler wird, bei dem man aber nicht wegschauen kann. Zäh und klebrig fließt die Folge dahin. Das liegt nicht nur an der Dramaturgie, nicht nur an Milbergs Borowski, sondern auch an dem fesselnden, tiefen Roman von Matičević.

Woran hakt's?

Die psychologische Dichte, die die Folge versucht zu erzeugen, will einfach nicht entstehen. Ab der Hälfte werden die Fragen des Zusehers zu viele, um noch ein Ansehvergnügen zu empfinden; als die Auflösung dann schließlich doch kommt, ist sie derart genuschelt, das man kein Wort versteht. Ein tiefes Unzufriedenheitsgefühl paart sich also dann mit der Genervtheit ob des Auftritts von Kekilli. Schade: Themen wie das Unglück in klassischen Geschlechterrollen, Krankheit und Hoffnungslosigkeit hätten einen besseren Fokus verdient.

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Meistgekauft
      Kommentar zu Artikel:

      "Tatort" Kiel: Sibel, Stuhlbein, Schraubenzieher

      Schließen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.