Warum ersticht eine junge Mutter einen völlig Fremden?

In "The Sinner" leidet Jessica Biel mit leerem Blick und zerstochenen Armen. Die Serie zeigt, dass das nach der Intention fragende Whydunnit interessanter ist als das Whodunnit.

Mit leerem Blick wandert Jessica Biel durch die Serie.
Mit leerem Blick wandert Jessica Biel durch die Serie.

Nur zögerlich gibt Cora bei ihrer psychologischen Beurteilung im Gefängnis ein paar lose Gedanken preis. Sie sitzt mit leerem Blick und spröden Lippen zusammengekauert auf einem Sessel - es ist wohl ihr Pflichtbewusstsein, das sie überhaupt antworten lässt. Kindheitserinnerungen? Ja, sie sieht sich in ihren Erinnerungsfetzen als 13-Jährige, erzählt sie. Auf die Frage, was sie denn ihrem 13-Jährigen Ich gerne sagen würde, antwortet sie: "Lauf weg!".

So normal sie auch wirkt: Dieses "Lauf weg!" sieht man in Coras (Jessica Biel) Augen, als mit sie mit den Schwiegereltern zu Abend isst, als sie Sex mit ihrem Mann hat, als sie bei Sonnenschein am Badesee eine Birne für ihren Sohn schneidet. Doch sie flüchtet nicht, sie tut etwas völlig anderes. Sie nimmt das Messer, das sie gerade noch für die Obstjause einsetzt, geht damit zu einem Paar, das ein wenig aufdringlich, aber durchaus fröhlich zu lauter Musik miteinander schäkert, und sticht sieben Mal auf den Mann ein. Hals, Schultern, Brust: Er stirbt am Sandstrand.

Das "Warum?" ist interessanter als das "Wer?"

Warum tötet sie einen Mann, den sie nicht kennt? Vor ihrem kleinen Sohn, vor ihrem Ehemann, vor Dutzenden Zeugen? Diese Frage ist der Ausgangspunkt der Serie, die in beklemmenden Rückblenden und trostlosen Bildern von einem Rätsel erzählt, das so leicht nicht geklärt werden kann. Unsicher wandert Jessica Biel durch die Episoden, von der Arbeit nach Hause, von ihrer Zelle ins Gericht. In Rückblenden wird ihre Vergangenheit gezeigt, zumindest das, was ihr klar in Erinnerung ist: die bigotte, herzlose Mutter, der passive Vater, die totkranke Schwester. Und je mehr Einblick man in ihr Leben bekommt, desto spannender und dringlicher ist das Whydunnit: Wieso ersticht eine junge Mutter einen völlig Fremden? Wieso will sie keine Verteidigung, keinen Prozess?

Der einzige, den das Motiv der Tat wirklich interessiert, ist der Ermittler Harry Ambrose.
Der einzige, den das Motiv der Tat wirklich interessiert, ist der Ermittler Harry Ambrose.
Der einzige, den das Motiv der Tat wirklich interessiert, ist der Ermittler Harry Ambrose. – (c) Peter Kramer/USA Network (USA Network)

"The Sinner" basiert auf einem deutschen Bestseller "Die Sünderin" von Petra Hammesfahr, Namen und Handlungsorte wurden aber freilich den USA angepasst. Jessica Biel (die Mary Camden in der "Himmlischen Familie") trat bisher eher nicht als Charakterdarstellerin in Erscheinung, spielt die Cora Tannetti aber so intensiv abwesend und desorientiert, dass man ihr alles zutrauen würde. Und Cora hat nicht nur diesen einen physischen Ausbruch am See, sie greift auch den einzigen Ermittler an, den das Motiv für die Tat wirklich zu interessieren scheint: Detective Harry Ambrose, wunderbar gespielt von Bill Pullman, der in "Independence Day" den besten aller US-Präsident gab.

In den USA hatte die Serie durchaus Erfolg, sie wurde nicht nur von Kritikern gelobt, sondern auch durchwegs ein Quotenerfolg. Das Schöne an "The Sinner": Es gibt auch Antworten. Die Mischung zwischen Thriller und Charakterstudie ist keine der üblichen Kreisel, der sich so lange dreht, bis die Macher jeden Seitenstrang überdehnen, jede Antwortmöglichkeit ausgeschlossen haben.

"The Sinner": Die acht Episoden à 45 Minuten sind seit November auf Netflix zu sehen.

Der Mord passiert so plötzlich, dass man kurz glaubt, er ist nicht real.
Der Mord passiert so plötzlich, dass man kurz glaubt, er ist nicht real.
Der Mord passiert so plötzlich, dass man kurz glaubt, er ist nicht real. – (c) Brownie Harris/USA Network (USA Network)

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