Israelische Serie „Fauda“: Dieser Krieg kennt keine Sieger

In der israelischen Terrorserie dreht sich die Spirale der Gewalt immer schneller. Wegsehen mag man trotzdem nicht. Auch, weil „Fauda“ keine US-Ware ist.

Lior Raz (vorne mit der Waffe) spielt den ehemaligen Geheimdienst-Agenten Doron Kavillio
Lior Raz (vorne mit der Waffe) spielt den ehemaligen Geheimdienst-Agenten Doron Kavillio

Israel macht eine Serie über den Kampf gegen palästinensische Terroristen? Dass das kritisiert wird, ist klar. Die Serie würde Kriegsverbrechen glorifizieren, lautet ein Vorwurf. Die israelischen Figuren seien heldenhaft, die palästinensichen hingegen lächerlich, ein anderer. Das stimmt so nicht, denn in „Fauda“ menscheln alle.

Richtig, erzählt wird die Serie vor allem aus israelischer Perspektive. Denn die beiden Drehbuchautoren sind Israelis, haben aber beide tiefen Einblick in die „andere“, die palästinensische Seite: Avi Issacharoff berichtet als Korrespondent im Westjordanland für das Online-Portal „Times of Israel“ und Lior Raz war Teil einer Spezialheinheit, die im Westjordanland (wo er auch geboren wurde) gegen Terroristen vorging.

Die „Arabisierten“ 

Raz spielt auch die Hauptrolle in „Fauda“, den ehemaligen Geheimdienst-Agenten Doron Kavillio. Dieser gehört(e) den „Arabisierten“ oder Mista'aravim an: einer Spezialeinheit, die als Araber verkleidet in Palästinenergebieten operiert. Kavillio kehrt aus seinem Ruhestand zurück, weil ein totgeglaubter Terrorist doch noch lebt. In seinem letzen Einsatz soll Kavillio diesem nun auflauern und kaltsellen. Heißt es. Es kommt freilich anders. Schließlich lautet die Übersetzung des Serientitels „Fauda“ Chaos. Die Undercover-Agenten in der Serie benutzen das arabische Wort als Warnruf, wenn sie aufgeflogen sind.

Der bullige Kavillio ist kein Held, dafür ist er zu stoisch und zu unberechenbar. Die Amerikaner hätten die Rolle vermutlich mit jemandem Attraktiveren besetzt. Aber das macht die Serie eben lebensechter. Denn diese Eliteeinheit des israelischen Militärs sieht insgesamt wenig nach Elite aus. Weder die Männer, noch die Frau (leider gibt es nur eine!), oder die Büros. Die wirken eng und stickig und die Verkleidungen der Agenten könnten aus dem Altkleidercontainer gefischt worden.

Die einzige Frau in der Truppe: Nurit (Rona-Lee Shim'on) – (c) Ronen Akerman/Netflix

Auch bei den Terroristen umschifft die Serie Stereotypen. Einer der Hauptantagonisten, der junge Walid (Shadi Mar'i, leider ein wenig „overacted“), ist zwar Terrorist und Mörder, aber auch beinahe rührend in seinem Liebeswerben. Nur der „große Böse“ Abu Ahmad (Hisham Suliman) ist ein wenig comichaft geraten. Dafür gibt es auf palästinensicher Seite viel mehr interessante Frauenfiguren als auf der israelischen. In Erinnerung bleibt etwa die junge Witwe eines Märtyrers – man hofft für sie selbst, dass sie scheitert.

Israelis mit Liebe zur arabischen Kultur

Die Welt, in der die Protagonisten leben, ist voller Widersprüche – wie auch das Innenleben der Figuren. Die Terroristen wünschen einander „Frieden“ und beraten dann darüber, wie ein Selbstmordanschlag zur maximalen Opferzahl führen könne. Die Agenten sind zu extremer Gewalt fähig – und feiern dann das Leben. Die Elitesoldaten sind zwar Israelis, immer wieder blitzt ihre Liebe zur arabischen Kultur auf. In den Palästinensergebieten fühle er sich freier als in Israel, sagt Kavilio einmal.

Herrliche Dialoge

Herrlich sind die Dialoge. Diese Terroristen-Jäger können nämlich in der einen Minute einen Witz reißen, in der nächsten um gefallene Kollegen trauern und einander dann liebevoll beschimpfen. Alleine diese Wortwechsel heben sich ab von den US-Serien, die so zahlreich zu uns herüberschwappen.

Auch die Sprache unterscheidet „Fauda“ von anderen Serien. Denn gesprochen wird Palästinensich-Arabisch und Hebräisch. Mit deutschen Untertiteln ist das manchmal eine Herausforderung. (Es gibt auch eine Deutsch synchronisierte Fassung.)

Viele israelische Fernsehsender haben „Fauda“ anfangs abgeleht. Das sieht man der ersten Staffel auch an, dass bei der Produktion gespart werden musste. Staffel zwei fällt da ein wenig „fetter“ aus, aber auch hier hat man weniger in Spezialeffekte und Explosionen investiert als in die Bildsprache. Es ist erstaunlich, wie wenig Blut man in der Serie tatsächlich sieht.

Auf Gewalt folgt immer Gegengewalt

Auch der Vorwurf der Glorifizierung von Gewalt hält nicht. Auf Gewalt folgt in „Fauda“ immer Gegengewalt. Rache, das dominierende Motiv für Terroristen wie Agenten gleichermaßen, befriedigt nicht. Die Überschreitung moralischer oder juristischer Grenzen führt bloß zu Eskalation. Und am Ende haben alle verloren.

Das alles zeigt die Serie ohne erhobenen Zeigefinger. „An keiner Stelle wird der Zuschauer belehrt“, schreibt „Die Zeit“ über „Fauda“. Dem kann man nur zustimmen.

Die „New York Times“ hat „Fauda“ zu einer der besten Serien 2017“ gekürt. Kritiker nennen die Serie „das neue Homeland“. Hoffentlich nicht, denn „Homeland“ hatte nach Staffel zwei einen ziemlichen Hänger. Für „Fauda“ wünscht man sich, dass die Serie nach einer guten ersten und einer sehr guten zweiten Staffel hervorragend weitergeht.

„Fauda“, auf Netflix

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