Horror zum Weinen: Neue Serie "Spuk in Hill House"

Jede zweite Folge rührt zu Tränen und dazwischen fürchtet man sich. Warum sollte man die Serie „The Haunting of Hill House“ sehen? Darum!

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Spoiler nur für die erste Folge

"The Haunting of Hill House" heißt die Netflix-Serie im Original, auf Deutsch wurde daraus "Spuk in Hill House" und diese Vereindeutung ist ein wenig irreführend, denn der Spuk ist nicht bloß auf das titelgebende Gebäude, ein wunderschönes viktorianisches Herrenhaus, beschränkt. Nein, verwunschen sind hier auch die Figuren.

In der zehnteiligen Serie, eine Neuinterpretation des gleichnamigen Romans von Shirley Jackson, wird die Geschichte von fünf Geschwistern erzählt – auf zwei Zeitebenen. Die eine ist, als die Fünf noch klein waren und mit ihren Eltern in dem titelgebenden Hill House wohnten. Die zweite spielt in der Gegenwart. Zwei Todesfälle verbinden die Ebenen: Damals starb die Mutter, nun stirbt die jüngste Schwester.

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1 – (c) Steve Dietl/Netflix (Steve Dietl/Netflix)

Auf der Vergangenheitsebene (wann, ist nicht ganz klar. Es dürfte Anfang der Neunziger gewesen sein, das sagt einem die Logik, nicht unbedingt der Kleidungsstil) zieht die siebenköpfige Familie in das "Horrorhaus". Die Eltern, Olivia und Hugh Crain, kaufen Häuser, renovieren und verkaufen sie wieder. Hill House soll einen fetten Gewinn bringen, damit sich die Familie ein Eigenheim – ihr "forever house" – bauen kann. Es ist also die letzte Station vor dem echten Zuhause.

Für die fünf Kinder Steve, Shirley, Theodora, Luke und Nell ist das weitläufige Gebäude faszinierend und erschreckend zugleich: Überall gibt es alten Krempel, mit dem man spielen kann. Und – schließlich ist es einen Horrorserie – es wird immer wieder richtig, richtig unheimlich.

Die einzelnen Folgen sind unterschiedlich aufgebaut, verdichten und dehnen, springen in der Zeit zurück und vor, ohne dass man die Orientierung verliert. Diese fließende Struktur macht die Serie wenig vorhersehbar. Natürlich gibt es diese Gruselmomente, die man schon von weitem erkennt (etwa, wenn der kleine Luke eine Fahrt mit dem Speiselift macht). Aber das gehört schließlich zum Genre.

Besonders an "Hill House" ist die liebevolle Zeichnung der Figuren. Wie wunderbar das tragisch kurze Leben der jüngsten Schwester Nell zusammengefasst wird! Wie fein das Gespür der Mutter für ihre Kinder ist! Wie verletztlich der jüngste Bruder Luke, als Erwachsener drogensüchtig, wirkt! Bei jeder zweiten Folge muss man weinen.

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1 – (c) Steve Dietl/Netflix (Steve Dietl/Netflix)

Klingt traurig, ist es auch. Warum sollte man sich sowas also ansehen? Gegenfrage: Warum sollte man Radiohead, oder – für Klassik-Fans – Puccini hören?

Wenn man mit dem Genre Horror nichts anfangen kann, sollte man die Serie vermutlich auslassen. Aber wahrscheinlich ist Horror das Genre, in dem sich in den vergangenen Jahren am meisten getan hat. Von der Nische ist es in die Mitte gerückt, etwa durch Jordan Peeles klugen Film "Get Out", der auch eine Geschichte über Rassismus erzählt.

Und "Hill House" verschränkt das Genre geschickt mit einem Familiendrama, gewinnt dem Genre so eine neue Facette ab. Man fragt sich: Sind die Crains eine liebe, aber sehr unglückliche Familie? Liegt der Horror wirklich in Hill House oder sind das Abgründe der eigenen Psyche? Was ist echt? Was ist Wahn?

Wie gut Horror und Drama miteinander funktionieren, zeigt sich etwa in der Szene, in der die erwachsene Shirley, eine Leichenbestatterin, ihre jüngste Schwester Nell nach deren Tod herrichtet. Das ist ein Akt der Liebe, schaurig und schön.

"The Haunting of Hill House", auf Deutsch "Spuk in Hill House", auf Netflix

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