Nachrufe zu Lebzeiten: „The Day That Margaret Thatcher Dies“

Kein anderer Politiker hat die britische Popmusik so geprägt wie Thatcher. Gegen sie waren sich alle einig – von Morrissey über Pink Floyd bis Elton John.

Thatcher Nachruf
Thatcher Nachruf
Thatcher Nachruf – (c) EPA (STR)

„Thatcher was a terror without an atom of humanity.“ Mit diesem Satz endet ein beispiellos unversöhnlicher Nachruf auf Margaret Thatcher, der gestern auf der US-Website „Daily Beast“ veröffentlicht wurde. Der Text, in dem Thatcher u.a. „barbarisch“ genannt wird („Iron? No. Barbaric? Yes.“) und ihr Hass auf Arme und Künstler attestiert wird, ist von einem britischen Popmusiker, und zwar von einem der bedeutendsten: Morrissey. Er war unter Thatchers Regierung die längste Zeit der Kopf der Band The Smiths; aber den Song, in dem er nach Thatchers Kopf rief, veröffentlichte er bereits auf seinem ersten Soloalbum, „Viva Hate“ (1988). In „Margaret On The Guillotine“ halluzinierte er den Tod seiner Premierministerin und fragte mit seiner sanftesten Stimme: „When will you die?“

Morrissey war durchaus nicht der einzige Popmusiker, der seine Abneigung gegen Margaret Thatcher drastisch ausdrückte: Man muss nicht wie die (im Sinne Freuds) magisch denkenden Menschen an die Macht der Gedanken, an Verwünschung glauben, um es unheimlich zu finden, wenn ein Mensch gestorben ist, dessen Tod so viele öffentlich beschworen haben. „When England was the whore of the world, Margaret was her madam“, sang Elvis Costello 1987 in „Tramp The Dirt Down“, das – ganz in der Tradition von Bob Dylans „Masters Of War“ – am offenen Grab endet: „When they finally put you in the ground, they'll stand there laughing and tramp the dirt down.“ Ähnlich heißt es in „The Day That Thatcher Dies“ (2000) von der Indie-Rock-Band Hefner: „We will laugh the day that Thatcher dies, even though we know that it's not right.“ Vor allem die arg respektlosen letzten Zeilen – „Ding dong, the wicked witch is dead“ – sollen nun bei regelrechten Feiern in Londoner Vororten skandiert worden sein. Der Singer-Songwriter Pete Wylie begann sein „The Day That Margaret Thatcher Dies“ 2008 (!) gar mit einer fingierten Radiotodesmeldung.

 

„What have we done to England?“

In vielen Songs kommt Thatchers Name vor, von „Stand Down Margaret“ (The Beat) bis zu Billy Braggs „Thatcherites“, und keiner zeichnet sie positiv. Sogar der an sich nicht aufsässige Elton John, der sich mit der Queen stets gut verstand, sang in „Merry Christmas Maggie Thatcher“: „We all celebrate today, 'cause it's one day closer to your death.“ Dass „I'm In Love With Margaret Thatcher“ der Notsensibles nicht ernst gemeint war, muss man nicht erklären. Und ein Bob-Dylan-Song aus dem Jahr 1965 hatte in Großbritannien 1981 auf einmal eine aktuelle Bedeutung: Die Ska-Band The Specials sang „I ain't gonna work on Maggie's farm no more...“

Mit dem Hass auf die Premierministerin verknüpft war meist ein düsteres Bild von England unter ihrer Herrschaft: Von einem „country that's sick, sad and confused“ wussten The The in „Heartland“, und Pink Floyd fragten: „What have we done to England? What have we done, Maggie?“

Viel an der Politisierung des britischen Pop, die man gern dem Punk (ab 1976) zuschreibt, kam erst mit Thatchers Amtsantritt (1979). Ein wenig zugespitzt könnte man sagen: Die britische Popszene ist durch sie erst dezidiert links geworden. Gewiss, Mick Jagger kokettierte mit der Rolle des „Street Fightin' Man“, betonte aber: „I am no marxist.“ Die Beatles beklagten in „Taxman“ die hohen Reichensteuern, nicht gerade ein linkes Anliegen. Und sogar Ray Davies (The Kinks), für seine sozialrealistischen Texte zu Recht gerühmt, kritisierte die Gewerkschaften und zeichnete in „Preservation Act“ ein schwarzes Bild eines Sozialisten.

Sein New-Wave-Pendant Paul Weller war zehn Jahre später klar gegen die „Tories“ – und Mitglied von „Red Wedge“, einem Musikerverband, der sich den Sturz Thatchers zum Ziel gesetzt hatte.

Ein Höhepunkt dieser Bewegung kam mit den Bergarbeiterstreiks 1984/85. Die schließlich niedergerungen wurden. Eine Niederlage, auf die etwa die Britpop-Band Pulp 2002 in „Last Days Of The Miners Strike“ zurückblickte – ungewöhnlich optimistisch: „The future's ours for the taking now, if we just stick together.“ Der Versuch, den Zorn auf Thatcher in Begeisterung für die Labour Party umzumünzen, war freilich nur kurz erfolgreich. So einig wie in der Ära Thatcher sollte sich die britische Popszene nie mehr sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.04.2013)

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