Frei.Wild und das "Land der Vollidioten"

Rechtsradikal? Ein Konzert der Südtiroler Rockband wurde abgesagt. Der Auftritt am Freitag in Graz ist umstritten. Kritiker befürchten, dass es die „rechte Szene“ anziehen wird. Wie bedenklich ist diese Band wirklich?

Beim deutschen Musikpreis Echo wurde die Band Frei.Wild (unten im Bild) von der Nominiertenliste gestrichen. Darauf demonstrierte sie mit Fans vor dem Berliner Messegelände.
Beim deutschen Musikpreis Echo wurde die Band Frei.Wild (unten im Bild) von der Nominiertenliste gestrichen. Darauf demonstrierte sie mit Fans vor dem Berliner Messegelände.
Beim deutschen Musikpreis Echo wurde die Band Frei.Wild (unten im Bild) von der Nominiertenliste gestrichen. Darauf demonstrierte sie mit Fans vor dem Berliner Messegelände. – REUTERS

"Das ist das Land der Vollidioten, die denken, Heimatliebe ist gleich Staatsverrat. Wir sind keine Neonazis und keine Anarchisten, wir sind einfach gleich wie ihr, von hier.“ Das sind programmatische Liedzeilen der Südtiroler Band Frei.Wild, die, wo immer sie auch auftritt (oder auftreten will), Debatten auslöst. Von drei Österreich-Konzerten im Mai wurde eines – in Wels – von der Stadt abgesagt, am Freitag sollen sie in Graz und am Samstag in Kufstein spielen. In Graz forderten u.a. Kulturreferentin Lisa Rücker (Grüne) und das Mauthausen-Komitee eine Absage.

Die Antidiskriminierungsstelle Steiermark urteilte, die Band bewege sich mit ihren Texten „in einem rechtlichen Graubereich“. Sie sieht aber keinen Anlass für ein Verbot. „Sonst müsste man manche Texte von Sido auch verbieten“, sagt Leiterin Daniel Grabowac. In ihrer Stellungnahme nennt die Antidiskriminierungsstelle u.a. „Strophen, die Gewalt als probates Mittel für Rache beschreiben“ und „Strophen, die eine deutsch-nationalistische Position als ethnische Minderheit in Italien wiedergeben“. Etwa im Lied „Wahre Werte“: „Da, wo wir leben, da, wo wir stehen, ist unser Erbe, liegt unser Segen; Heimat heißt Volk, Tradition und Sprache, für uns Minderheiten eine Herzenssache; das, was ich meine, und jetzt werft ruhig Steine, wir sind von keinem Menschen die Feinde, doch wir sind verpflichtet, dies zu bewahren, unser Tirol gibt's seit 1200 Jahren.“ Heimatpathos also, wie man's zum Beispiel auch von schottischen Bands wie Big Country kennt.

Und was ist mit „Graubereich“ gemeint? „Besonders fragwürdig“ erscheint der Antidiskriminierungsstelle „die mutmaßliche oder scheinbare Distanzierung von der extremen Rechten und der extremen Linken im Lied ,Schlauer als der Rest‘“, in dem es u.a. heißt: „Adolf Hitler, Ehrenmann, war ein Teil vom Arschloch-Clan; Deutschland ist ein Nazi-Land, hältst die Dummheit an der Hand.“ Diese „Uneindeutigkeit“ mache „eine eindeutige Beurteilung und damit auch rechtliche Schritte schwierig bis unmöglich“.

 

Anspielung auf „Der Mussolini“ von DAF

Im schon erwähnten Lied „Das Land der Vollidioten“ spielen Frei.Wild interessanterweise auf einen Song der Neuen Deutschen Welle aus dem Jahr 1981 an, dessen Text ebenfalls recht „uneindeutig“ war und daher von manchen beanstandet wurde: „Der Mussolini“ von DAF („Deutsch-amerikanische Freundschaft“), in dem u.a. die Zeile „Tanz den Adolf Hitler“ neben der Zeile „Tanz den Jesus Christus“ vorkam. „Wir tanzen keinen Adolf Hitler, tanzen keinen Mussolini“, sangen Frei.Wild, „wir mögen keinen Berlusconi und schon gar nicht diesen Fini.“

„Uneindeutiger“ Umgang mit Ästhetik und Vokabular des Rechtsextremismus ist z.B. auch für die slowenische Band Laibach typisch, bei der aber (fast) immer klar war, dass ihre Blut-und-Boden-Zitate als ironische Entlarvung gemeint waren.

Bei Philipp Burger, Sänger von Frei.Wild, ist das anders: Er war Skinhead, seine erste Band, Kaiserjäger, aber gab sich mit (nicht ironisch gemeinten) Zeilen wie „Heil dem Kaiser, Heil dem Lande, Österreich wird ewig stehen“ nicht faschistisch, sondern monarchistisch gesinnt.

Auch davon ist in den Texten von Frei.Wild nichts mehr zu hören. Das stellte auch Kolumnist Harald Martenstein in einer Polemik im „Zeit-Magazin“ fest: „Auf ,Zeit online‘ hieß es, die Band verwende Wörter wie ,Helden‘ oder ,Volk‘. Da war ich perplex, weil David Bowie doch ,Heroes‘ gesungen hat und John Lennon ,Power to the People‘. Meiner Ansicht nach ist Lennon nie ein echter Nazi gewesen. (...) Auf ,stern.de‘ stand das Frei.Wild-Zitat ,Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat. Ohne sie gehen wir unter‘. Das könnte doch auch irgend so ein bedrohter Indianerstamm im Amazonasgebiet singen. Die Südtiroler sind ebenfalls eine Minderheit, die es nicht immer leicht gehabt hat.“

 

„Obszönes Gebrabbel“ wie bei Rammstein?

Ja, aber die irgendwie militant anmutende Erscheinung der Band? Kokettiert sie nicht doch auf anstößige Weise mit faschistischer Ästhetik? Auch wenn ihre Musik ganz anders klingt: Frei.Wild provozieren im Hörer (und Seher) ein ähnliches diffuses Unbehagen wie die deutsche Band Rammstein, die manche Kritiker hilflos „protofaschistisch“ nannten. Der der Sympathie mit Rechtsextremismus gewiss nicht verdächtige slowenische Philosoph Slavoj Žižek fand Gefallen an diesem Spiel mit totalitärer Ideologie: Die Band Rammstein gehe mit ihr um wie Charlie Chaplins Hitler-Figur in „Der große Diktator“: „Sie entsemantisiert sie und bringt ihr obszönes Gebrabbel in seiner penetranten Körperlichkeit zum Vorschein.“ So riet Žižek: „Also fürchtet euch nicht, genießt Rammstein!“

Ob man das über Frei.Wild auch sagen sollte? Der Vorwurf der Gewaltfantasien zumindest scheint haltlos: Gewiss sind Textzeilen wie „Ich tret dir in deine Rippen“ befremdlich und „penetrant körperlich“; wer sie verbieten wollte, müsste aber einen guten Teil des Hip-Hop und Metal genauso zensurieren. Und die von der Antidiskriminierungsstelle zuletzt geäußerte Befürchtung, es könnte bei Konzerten zu „Ausschreitungen“ kommen, kann wohl kein Grund für ein Verbot sein. Sonst müssten die Behörden einige Fußballspiele untersagen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2013)

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