Zhenya Strigalev: Mein Gewehr, das Saxofon

Der charismatische Jazzer Zhenya Strigalev aus St. Petersburg war schon als Kind auf strenger Dixieland-Diät.

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Zhenya Strigalev hat mit den von ihm organisierten nächtlichen Sessions im Nordlondoner Club Charlie Wrights für regen Gedankenaustausch zwischen amerikanischen, europäischen und britischen Instrumentalisten gesorgt. Als Absolvent der renommierten Royal Academy Of Music hat er von Granden wie Lee Konitz, Dave Holland und Peter King gelernt. Seiner noch in Russland entstandenen Liebe zu Bebop hält er die Treue, obwohl er modernen Ausdruck anstrebt. Privatleben? „No Ties!“ Dieser Mann benötigt alle Energie für seine Jazzobsession. Nun stellt er auf einer Europatournee – von Paris bis Rom, von Prag bis Berlin – sein neues, in den USA produziertes Album „Smiling Organizm Vol. 1“ vor. In Wien wird er am 25. Mai bei der Pre-Opening-Party des Restaurants „Zur Herknerin“ ein Gastspiel liefern.

Das russische St. Petersburg ist nicht eben als Jazzmetropole bekannt. Wie kamen Sie dort zu dieser Musik?
Meine Eltern lebten getrennt und teilten sich die Obsorge. Immer wenn ich bei meinem Vater war, lehrte er mich Jazz. Noch bevor ich sprechen konnte, war ich via Schallplattenspieler auf strenger Dixieland-Diät. Er sah es als eine Art Mission, mir den Jazz nahezubringen. Und es wirkte tatsächlich. Während meiner Schulzeit kam ich mit Elvis Presley, den Beatles und Popmusik in Berührung, hörte aber zu Hause viel lieber Leute wie Charlie Parker und Cannonball Adderley. Es waren die vertrackten Rhythmen, die mich anzogen, und natürlich die Improvisation.

Wieso entschieden Sie sich fürs Altsaxofon?
Wegen seiner für mich optimalen Größe. Ich begann mit zwölf Jahren zu spielen, da waren mir Tenor und Bariton schlicht zu groß. Meine erste Musiklehrerin brachte mir vor allem das richtige Atmen bei. Das meiste habe ich von Schallplatten gelernt. Wenn man die Soli anderer transkribiert, lernt man ja viel. Noten gelernt habe ich schon mit sieben oder acht Jahren. Damals spielte ich Klavier.

Ich habe Sie vor zwei Jahren im Londoner Ronnie Scott’s Club gemeinsam mit dem Sänger Cleveland Watkiss gesehen. Sie spielten ein erstaunlich Bebop-lastiges Programm. Wie das?
Einfach, weil Charlie Parker und Cannonball Adderley meine ersten musikalischen Wegweiser waren. Ihre Musik sitzt tief in mir. Ich halte es für sehr wichtig, dass die Menschen auch heute noch Bebop hören. Nicht der museale Aspekt interessiert mich dabei, sondern die sich bei dieser Musik so natürlich ergebenden Soli. Die sind ein künstlerisches Statement eines durch und durch heutigen Musikers.

Wer prägte die modernen Aspekte in Ihrer Musik?
Das war Sonny Rollins. Er war mir Vorbild darin, sich alte Stile anzueignen, sie auf individuelle Art zu mischen und etwas interessantes Neues daraus zu kreieren. Ich halte nichts davon, wenn man als junger Saxofonist gleich mit Coltrane beginnt. Ich kenne eine Menge junger Kollegen, die darob der Mut verließ. Viel besser ist es, sich zunächst einmal zu erarbeiten, was etwa ein Michael Brecker geschaffen hat.

Sie spielen eine sehr schwierige Musik in Zeiten, in denen die Hörer immer oberflächlicher werden. Warum?
Weil ich vermitteln will, dass es sich meist mehr auszahlt, Stücke zu hören, die sich einem nicht sofort erschließen. Hat man ein wenig Geduld und Ausdauer, entdeckt man ein Universum interessanter Sounds. Man muss im Jazz nicht alles sofort verstehen. Das Schöne am Jazz ist das ewige Streben. Nicht nur als Spieler, sondern auch als Hörer versuchst du im Jazz dein Rezeptionslevel ständig zu erhöhen. Für diese Tugend zu werben, ist in unseren Zeiten essenziell.
(c) Samir H. Köck

Woran machen Sie den teilweisen Verfall der Popularmusik fest?
Mit dem Aufkommen der Computer hat sich schon sehr viel verändert. Vorgefertigte Soundscapes dienen vielen quasi als Stützräder für ihre Performance. Die spielen zwei Akkorde und bilden sich ein, großartig zu sein. Für meinen Geschmack lassen sich zu viele Veranstalter und Journalisten durch derartige Gimmicks blenden.

Sie haben auf Ihrem großartigen neuen Album „Smiling Organizm“ den russischen Fußgängerzonenklassiker „Midnight In Moscow“ lustvoll dekonstruiert. Das erinnert ein wenig an David S. Wares tolldreiste Adaption von Marvin Hamlischs „The Way We Were“, das ursprünglich eine Barbra-Streisand-Schnulze war. Wie fiel Ihre Wahl auf „Midnight In Moscow“?
Als ich klein war, liebte ich das Stück. Es hat so pikantes Riff und die Melodie ist extrem einschmeichelnd. Die Magie von „Midnight In Moscow“ verlor sich rasch für mich. Jetzt, so viele Jahre später, wollte ich einer völlig abgespielten Melodie wieder Würde verleihen. Dazu muss man mitunter drastische Mittel anwenden. Worum es aber geht, das hat der alte Ike Quebec schon gezeigt. Man muss jede einzelne Note individuell betonen. In diesem Stück war es das Bassmotiv, das am besten überlebt hat.

Ihr neues Album haben Sie in New York aufgenommen. Wie ist es Ihnen gelungen, so gefragte Spieler wie Larry Grenadier, der ja viel mit Brad Mehldau spielt, und Eric Harland aus Charles Lloyds Band als Sidemen ins Studio zu bekommen?
Ich kannte die beiden aus London, weil ich mich vor einigen Jahren bemüht habe, Late-Night-Concerts zu etablieren. Dieses Format hat es in den USA immer gegeben, im jazzmäßig eher konservatien Großbritannien nicht. Also habe ich mich dafür engagiert. Bei den Late-Night-Hours im Charlie Wrights ging es mehr um einen freien Austausch unter den Spielern, weniger um Entertainment. Das Publikum schätzte das. Jetzt ist wieder weniger los. Aber von den zwei, drei Jahren, in denen ich das machte, kenne ich viele amerikanische und europäische Kollegen. Das half mir jetzt beim neuen Album.

Für die Aufnahmen hielten Sie sich drei Monate in den USA auf. Hat sich die Homeland Security vor Ihrem Saxofon gefürchtet?
Ein wenig schon. Aber als Jazzer muss man ständig üben. Das haben sie schließlich verstanden. Ich habe von einem früheren Aufenthalt her schon Freunde, bei denen ich unterkam. Das war manchmal ein wenig rau, aber so funktioniert die Jazzökonomie eben. Ein paar Jamsessions im Smalls und im Dizzy’s hab ich dann schon gespielt. Konzerte hätte ich keine geben dürfen.

Sie kamen mit 25 Jahren relativ spät nach Großbritannien. Was lockte Sie in ein Land, in dem der Verdrängungswettbewerb in jeder Branche sehr intensiv ist?
Die Armee stand einer früheren Ausreise im Weg. In Russland muss man zwei Jahre dienen. Ich hatte Glück, durfte in einer Militärkapelle in St. Petersburg sein. Der Leiter war Jazzfreund, das hat mich gerettet. Das Saxofon war mein Gewehr. Bei Märschen und Begräbnismusik war es sehr gefragt. Für London bekam ich ein Stipendium auf der Royal Academy of Music. Da war dann klar, wohin ich gehe. Demnächst bekomme ich den britischen Pass. Das wird viel erleichtern.

War es hart?
Es war nicht ohne. Als Fremder wird man in Großbritannien nicht leicht akzeptiert. Die mögen keine Akzente, außer du kochst gut. Ich habe mich mit Jobs wie dem Bewachen einer Stradivari im Museum durchgebissen. Jetzt geht es halbwegs. 

TIPP

Das Album: Zhenya Strigalev „Smiling Organizm Vol. 1“ www.zhenyastrigalev.com
Live in Wien: 24. Mai 2013, ab 20 h, „Zur Herknerin“, Wiedner Hauptstraße 36, 1040 Wien

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