Neil Young auf Tour: Garagenrock "will never die"

Seit mehr als 40 Jahren arbeiten Neil Young und Crazy Horse zusammen. In Berlin lieferten sie ein akustisches "Blowing In The Wind".

Weltbester Garagenrock Neil Young
Weltbester Garagenrock Neil Young
Neil Young – EOA (ALBERTO ESTEVEZ)

Neil Young steht mit dem Rücken zum Publikum vor einem Verstärker und entlockt seiner Gitarre bizarre Feedback-Töne, während Frank "Poncho" Sambredo an der zweiten Gitarre sich tief über sein Instrument beugt und dieses minutenlang dröhnen lässt: Young und seine legendäre Begleitband Crazy Horse haben so eben beim Auftakt ihrer Europatour in der Berliner Waldbühne die fast 20-minütige Tour de Force "Walk Like A Giant" beendet. Aus einem ähnlichen Feedback-Gewitter sollte sich später eine ultimative Live-Version von "Hey Hey, My My" herausschälen. Das Konzert am Sonntagabend zeigte die beste Garagenrockformation der Welt in absoluter Topform.

Seit mehr als 40 Jahren arbeiten Neil Young und Crazy Horse mal mehr und mal weniger zusammen. Nach einer längeren Pause hat man mit "Americana" und "Psychedelic Pill" (beide bei Warner) gleich zwei sehr gute neue Platten in kurzem Abstand herausgebracht. Wobei letztere nahtlos an Klassiker wie "Rust Never Sleeps" oder die Prototyp-Grunge-LP "Ragged Glory" anschließt. Man durfte gespannt sein auf die erste Show außerhalb Amerikas im Rahmen der "Alchemy" betitelten Konzertreise. So plump es klingt: Sämtliche Stücke, die die sichtbar älter, aber keineswegs leiser gewordenen Herren beim Open Air anfassten, wurden zu Gold.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Ein ungezügeltes "Love And Only Love" machte beim Open Air den Anfang: Eng standen die Musiker beisammen, immer wieder drifteten sie in lange Jams ab, "long ago" und "tomorrow" rief Young in die Wand aus brummenden Gitarren und wabernden Bassläufen, was man durchaus als Zusammenfassung der kommenden zwei Stunden verstehen konnte. Der Kanadier und seine drei Mitstreiter verbanden nämlich genial Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ließen auf den Klassiker "Powderfinger" das Titelstück von der aktuellen Platte folgen, um dann später das bisher unveröffentlichte "Hole In The Sky", eine Öko-Hymne, mehrstimmig zu intonieren.

"Walk Like A Giant", in dem Young gegen den Gitarrensturm pfiff, mit seinem melancholisch angehauchten, letztendlich trotzigen Text (aber ja, man kann mit 70 noch immer die Welt verändern wollen!) und der nicht enden wollenden Hau-drauf-Coda, erwies sich als Schlüsselstück unter den jüngeren Beiträgen. Young zeigte auch seine andere musikalische Seite: "Heart Of Gold" sang er alleine, um dann mit einer ebenfalls auf der akustischen Gitarre geklimperten, traditionellen Version von Bob Dylans "Blowing In The Wind" zu überraschen und begeistern. Die kitschig-schöne Ballade "Singer Without A Song" gab's im Folkteil noch als Draufgabe am Klavier.

"Rock and Roll will never die"

Lange wurde nicht verschnauft. Auf ein berührendes "Ramada Inn" prallte ein zorniges "Fuckin' Up"; "Cinnemon Girl" und der souverän ins Crazy-Horse-Soundkleid gesteckte Buffallo-Springfield-Track "Mister Soul" führten ins große Finale mit einem entfesselten, ultimativen "Hey Hey, My My (Into The Black)". Hier kam die ganze Magie von Neil Young und Crazy Horse auf den Punkt: rau und doch sehr melodisch, aggressiv wie intelligent, zügel-, aber nicht planlos krachte, schepperte, rumpelte es. "Rock and Roll will never die" - braucht man mehr Beweise dafür?

"Like A Hurricane" hieß die umjubelte Draufgabe nach dieser Demonstration an Spielfreude, nach der Manifestation, dass alte Hunde doch am besten beißen. Neil Young in Kombination mit Crazy Horse war in Berlin eine Naturgewalt. Leider gibt es keinen Österreich-Termin.

>> www.neilyoung.com

(APA)

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