Placebo: "Wie intergalaktische Feen"

Placebo klingen auf ihrem siebten Album experimentierfreudig wie nie zuvor. Die "Presse am Sonntag" sprach mit Sänger Brian Molko über Social Networks, Bret Easton Ellis und Ekstase.

Placebo intergalaktische Feen
Placebo intergalaktische Feen
Placebo intergalaktische Feen – (c) Universal

Gab es Augenblicke des Glücks bei den Sessions zu „Loud Like Love“?

Brian Molko: Ja. Bei den Aufnahmen zur Single „Too Many Friends“. Als sich Stefan Olsdal zum Piano setzte und dieses eindringliche Motiv spielte, überkam mich ein Schauer der Freude. Es erinnerte mich an „Total Eclipse of the Heart“ von Bonnie Tyler, meinen absoluten Lieblingssong. Unvergesslich war auch der Strudel, in den wir gerieten, als wir „Begin the End“ spielten. Die Urversion war 20 Minuten lang. Es war pure Magie.

 

Wie würden Sie die Entwicklung Ihrer Liedkunst beschreiben?

Zunächst wollten wir einfach ein sehr drängendes Powerpop-Trio sein, aber bereits beim zweiten Album 1998 waren wir davon gelangweilt. Von da an haben wir unsere Identität mithilfe von Elektronik ausgedehnt.

 

Welche Rolle hat der Computer für Placebo gespielt?

Unser Debütalbum war noch komplett auf Tonband aufgenommen und mit Rasierklingen geschnitten. Doch ab 1998 nützten wir die Protools-Technologie. Das hat unsere Methodik im Studio aber nicht wesentlich beeinflusst. Der nächste Schritt passierte erst jetzt. Bei „Loud Like Love“ haben wir erstmals mit Apps gearbeitet und unsere Telefone und Tablet-Computer in den kreativen Prozess eingebunden.

 

Was hat das gebracht?

Nun, gewisse Apps haben wir erst fünf Minuten vor Aufnahmebeginn aus dem Internet heruntergeladen. Das hatte zur Folge, dass manches wirkt wie von Kinderhand. Daneben haben wir auch ein uraltes indisches Hackbrett eingesetzt. Die Spannweite unserer Bemühungen um einen frischen Sound war ziemlich groß.

 

Das raffiniert konstruierte Video von „Too Many Friends“ hat der Schriftsteller Bret Easton Ellis mitkonzipiert. Wie kam es dazu?

Unser Regisseur kannte ihn. Ellis einzubeziehen war ein kluger Schachzug, weil es im Lied um Social Networks geht und Ellis ein eifriger Nutzer derselben ist. Er kommuniziert darin oft Dinge, die eine Menge Menschen verstimmen. Als wir hörten, dass er mitmacht, waren wir total begeistert.

 

Welche seiner Bücher mögen Sie besonders?

Als Teenager verschlang ich „Less Than Zero“ und „The Rules of Attraction“, erstaunlich nihilistische Werke. Mein Favorit ist „Lunar Park“, ein Horrorroman in Form einer Fake-Autobiografie. Darin erwacht auch Patrick Bateman wieder zum Leben, der Serienkiller aus „American Psycho“. Ellis zeichnet sich darin sehr düster als Drogen konsumierenden Charakter, der nicht fähig ist, seine Familie zusammenzuhalten. Diese Form von grimmiger Selbstironie hat mich sehr angesprochen.

 

Sieht der Song „Too Many Friends“ die Social-Network-Phänomene Facebook, Twitter und Konsorten nur negativ?

Es ist ein Lied über moderne Einsamkeit, die als Betriebsamkeit getarnt ist. Gerade eifrige Facebook-Poster und Twitter-Dichter sondern sich im richtigen Leben oft ab. Diese neue Art von sozialer Isoliertheit wird gerade in Bars und Restaurants deutlich. Dort ist die Diskrepanz zwischen physischer Nähe und geistiger Ferne erstaunlich hoch. Der kleine Bildschirm ist für viele leider anziehender als der reale Mensch am Nachbartisch.

 

Haben Sie persönlich auch negative Erfahrungen damit?

Natürlich. Bevor es Facebook gab, wollten die Fans, wenn sie mich wo trafen, mit mir sprechen. Jetzt fragen sie nur noch nach einem Foto mit mir, das sie dann auf Facebook posten, um ihren Freunden zu zeigen, dass sie einen Rockstar getroffen haben. Das ist für mich sehr entmenschlichend.

 

Wie sehen Sie die Gefahr der umfassenden Kontrolle, wie sie die Enthüllungen Edward Snowdens andeuten?

Die ist erschreckend real. Es wäre sehr naiv anzunehmen, dass Konzerne wie Google und Facebook von altruistischen Motiven getrieben sind. Ihnen geht es nicht um eine bessere Gesellschaft, sondern nur um das Erzeugen von Reichtum. Wie bei allem, liegt das Problem nicht in der Technologie selbst, sondern in deren inferiorer Verwendung durch den Menschen.

 

Das Internet hat auch die Hörgewohnheiten verändert. Hat das Album noch Zukunft?

Auf jeden Fall. Wer auf guten Sound steht, greift wieder zur Schallplatte. Das Klangspektrum einer Platte ist signifikant größer. Außerdem entwickelt man zu etwas, das man in Händen halten kann, eine tiefere Beziehung. Auch der Fetischcharakter des Vinyls ist für die Aficionados unverzichtbar. Placebo werden jedenfalls weiter jedes Album auf Vinyl veröffentlichen.

 

Sie haben 2003 ein Album mit Coverversionen herausgebracht. Darauf ist auch „20th Century Boy“ von T. Rex. Was mögen Sie an Marc Bolans Liedern?

Sie haben alle so eine exhibitionistische, hedonistische Note. Marc Bolan und David Bowie waren damals so etwas wie intergalaktische Feen. Sie verorteten den Rockstar als Alien von einem anderen Planeten. Das machte großen Eindruck auf mich.

 

Sie gelten als sehr sensibel. Letztes Jahr haben Sie Ihren Auftritt beim Frequency-Festival schon nach einem Song abgebrochen. Wie geht es Ihnen ganz allgemein mit den Menschenmassen bei Ihren Konzerten?

Was man als Sänger auf der Bühne erlebt, könnte man mit einem „narcotic thrill“ vergleichen. Wenn es gut läuft, das Publikum dir viel Energie gibt, dann erlebst du Momente großer Transzendenz. Dann entstehen Synergien, die zu kollektiver Euphorie führen. Als Performer erlebt man das, was die transzendentale Meditation anstrebt: die totale Präsenz in der Gegenwart. Es sind exakt diese Momente, für die wir als Band leben. Man wird gewissermaßen süchtig danach.

 

Wie schwierig ist es, sich unmittelbar danach von diesen Ekstasen zu erholen?

Von der Bühne abzutreten, kann verdammt tückisch sein. Um sich eine sanfte Landung von diesem Trip zu ermöglichen, greifen viele zu Alkohol und Drogen. Das zu vermeiden, ist für uns immer noch eine große Herausforderung. Aber nach all den Jahren kann ich vermelden: Es wird besser.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2013)

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