Prefab Sprout: Der alte Mann und die Jugend

Prefab Sprout sind wieder da! Ihr Mastermind Paddy McAloon empfing die „Presse“ in seinem Refugium in Durham – und sprach über Adoleszenz, Rastlosigkeit und Bob Dylan.

„Irgendwann hörte ich auf, in den Spiegel zu schauen.“ Paddy McAloon, geboren 1957 in Newcastle.
„Irgendwann hörte ich auf, in den Spiegel zu schauen.“ Paddy McAloon, geboren 1957 in Newcastle.
Prefab Sprout: Der alte Mann und die Jugend – (c) Westenberg

Schlohweißes Haupthaar, Professorenbrille und wallender Vollbart: Wer Paddy McAloon, 56, unvorbereitet sieht, würde nie glauben, dass ein so früh gealterter Mensch so schöne, ewige Jugendlichkeit abstrahlende Musik machen kann.

Er kann es. Mitte der Achtzigerjahre zählte er zu den hoffnungvollsten Popkomponisten seiner Generation. Mit seiner 1978 gegründeten Band Prefab Sprout strebte er nach einem schwelgerischen Sound, wie man ihn bis dahin nur von den kühnsten Orchesterpopentwürfen von Scott Walker und Van Dyke Parks kannte. Die Alben „Steve McQueen“ (1985) und „From Langley Park To Memphis“ (1988) verkauften sich millionenfach. Ein Singlehit wollte dennoch nicht gelingen. So zog sich McAloon mehr und mehr ins Eremitentum zurück. Das Album von 1990 trug schon die Wiederkehr im Titel: „Jordan: The Comeback“.
Alle paar Jahre öffnet er seither die Schubladen seines Heimstudios und kramt ein paar Songs hervor. Auf Druck einer Plattenfirma hat er dies soeben wieder getan: „Crimson/Red“ heißt das wunderschöne Album. Unter Trägheit leidet McAloon nicht. Er komponiert permanent. Bloß an Veröffentlichungen und dem zugehörigen Brimborium ist er halt nicht mehr sonderlich interessiert. Um so überraschender, dass er zustimmte, die „Presse“ zu einem persönlichen Gespräch in einem Hotel in Durham zu empfangen.

Eine Frage drängt sich auf: Ist sein Aussehen eine Art Protest gegen den Jugendwahn in der Popmusik? „Auf gewisse Weise ja“, räumt McAloon ein: „Aufgesetzte Coolness war nie meine Sache. Irgendwann hörte ich auf, in den Spiegel zu schauen, weil einfach nichts mehr besser wurde.“

„Hormonale Agonie, schlechte Poesie“

Und wieso hat er noch so eine junge Stimme? „Dafür trinke ich sicher nicht das Blut von zwölf Jungfrauen“, brummelt er lakonisch: „Es reicht, die Stimme nicht zu oft in Betrieb zu nehmen, also auf Tourneen zu verzichten.“ Einer der neuen Songs heißt „Adolescence“. Warum? „Wissen Sie, Menschen meines Alters machen gern den Fehler, im Rückblick nur das Gute zu sehen. Mir ist meine Ruhelosigkeit von damals noch viel zu gut in Erinnerung. Es war eine Zeit der Unsicherheit.“ McAloon findet in diesem Lied faszinierende Sprachbilder für die Stimmung eines 15-Jährigen: „It's like a psychedelic motorbike; you smash it up ten times, then you walk away. It's pure hormonal agony, bad poetry.“ Viel zu oft sei er wegen seiner Texte gelobt worden, sagt er. Lieber wäre ihm, man rühmte ihn als guten „tunesmith“. McAloon lässt seine Lieder gern abliegen, prüft sie und verändert sie dann, wenn nötig. „Das Komponieren beginnt nicht unbedingt mit einer Idee, einer Melodie oder einem Wort. Du spürst eine innere Unruhe. Die Feinde dieses Zustands sind: die leere Seite; der Verdacht, einen Akkord schon einmal verwendet zu haben.“

Hat sein Perfektionismus nicht auch destruktive Züge? „Ja. Aber man muss mit Beschränkungen leben lernen. Sie sind die Natur des Universums.“ Gern beobachtet McAloon die Methoden der Konkurrenz, und schreibt gern über Kollegen. „You roar right out of Nowheresville, to find the beating heart, cryptic, elusive, smart, mysterious from the start“ singt er in „Mysterious“ mit glockenheller Stimme über den jungen Bob Dylan. Und in „The Songs Of Danny Galway“ versuchte er sich am Leben des Songwriters Jim Webb. „Es war aufregend zu versuchen, sich diesen beiden großen Charakteren in einer so kleinen Form zu nähern.“ Dass ein Fan McAloons Songtext auf Webbs Homepage von Webb gepostet hat, wühlt ihn auf. „Meinen Sie wirklich, es ist die echte Seite von Jimmy Webb?“, fragt er zweifelnd.

McAloon leidet nicht nur an Perfektionismus, sondern auch an Selbstzweifeln, obwohl ihn viele als „Gershwin of Geordieland“ titulieren. „Das ist lieb, hat aber nichts mit der Realität zu tun“, wiegelt er ab, „In meinen Texten gehe ich Wege, die von der Malerei vorgeschlagen wurden. Ich glaube, Mallarmé hat gesagt, dass man das Objekt nie selbst malen darf, sondern nur das, was es emotional in dir auslöst.“ Mit „The Best Jewel Thief In The World“ und „The Dreamer“ glückten ihm jedenfalls zwei seiner besten Songs überhaupt.

Schön ist auch seine Paraphrase auf den Faust-Mythos in „Devil Came A Calling“. Ist er mit Eintritt in die Welt des Pop denn einen Pakt mit dem Teufel eingegangen? „Letztlich weiß man es nie wirklich“, sagt er zögerlich. Und setzt hinzu: „Meine Mutter, die leider nicht mehr unter uns ist, pflegte zu sagen: ,Paddy, eigentlich bist du nie über T. Rex hinausgekommen.‘ Ich glaube, sie hatte recht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2013)

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