Wiener Stadthalle: Langeweile mit Eric Clapton

92 Minuten lang erinnerte sich der im Vorruhestand befindliche Gitarrengott vor 11.000 Besuchern daran, dass er in seiner Kindheit den Blues entdeckt hat. Dessen Intensität ist ihm längst fremd geworden.

ERIC CLAPTON
ERIC CLAPTON
(c) EPA

Der Musik Eric Claptons Langeweile vorzuwerfen, ist längst selbst langweilig geworden. Natürlich hat es sich dieser britische Musiker ein Leben lang in einem einzigen weinerlichen Affekt gemütlich gemacht, das muss man ihm nicht vorwerfen. Jeder gönnt es ihm, dass er auch als vielfacher Millionär den Nachhall einer bescheidenen Kindheit, die er in seiner Autobiografie „dickensianisch“ nennt, genießt.

Damals vernahm Clapton den Ruf der Musik via Radio an den Familiensonntagen. Und genau dorthin trägt er seinen Blues. Was im amerikanischen Original existenziell, rau und nonkonformistisch klingt, wird bei ihm verlässlich zur behübschenden Freizeit-Klangtapete. Für den Aphoristiker E.M. Cioran war die Vorstellung, dass sich die Sonntagnachmittage über Monate erstrecken könnten, Ausgangspunkt überaus pessimistischer Überlegungen. Er definierte Langeweile gar als „das Weltall, verwandelt in einen Sonntagnachmittag“. Die Geschäftigen würden zu Verbrechern werden, nur Müßiggänger wären fähig, notorische Reizarmut zu ertragen, schrieb er in „Die Lehre vom Zerfall“.

In Wien muss man sich in diesem Sinn wohl keine Sorgen um die Sicherheit machen. Seine Ruh' will der Hiesige. Deshalb nennt er die Langeweile, die Nietzsche so schön als „Windstille der Seele“ bezeichnete, zärtlich „Fadesse“ und weiß sie zu zelebrieren. Immerhin an die 11.000 Freunde des gepflegten Ennui strömten so zum 20-fachen Grammy-Gewinner in die Stadthalle.

„Somebody Knocking“ krachte noch majestätisch. Doch schon beim zweiten Song, Big Bill Broonzys „Key To The Highway“, schlich sich die Langeweile ein. Das Original ist eine Ode an den Aufbruch aus provinzieller Enge. So wirklich flamboyant klang es bei Clapton, der das Lied seit frühester Jugend spielt, nur 1970 – auf dem unter dem Signet „Derek & The Dominoes“ veröffentlichten Doppelalbum „Layla & Other Assorted Love Songs“, auf dem sich ein vor Sehnsucht nach einer unerreichbar scheinenden Dame verzehrender Sänger ins Offene wagt. Das zeitigte nachhaltige Erschöpfung. Nie mehr wieder erreichte Clapton diese Intensität.

 

Okay: Ein Bessie-Smith-Klassiker

Trotzdem zählte ein weiterer Song aus diesem Album zu den Höhepunkten des Abends: der Bessie-Smith-Klassiker „Nobody Knows You, When You're Down And Out“. Hier hörte man Reste gesanglicher Glut von einer sonst nur kunsthandwerklich eingesetzten Stimme. Schließlich gab Clapton noch „Layla“, Herzstück seines alten Meisterwerks. Leider einmal mehr in der unsäglichen Schunkelversion, die frei von libidinösen Ansprüchen ist. So macht ein Minnelied nicht den geringsten Sinn. Da nützten nicht einmal die possierlichen Elektronikeffekte des feinen Pianisten Chris Stainton. Überhaupt präsentierte Clapton in seiner aktuellen Band einiges an Urgestein der britischen Szene. Neben Stainton, der in den frühen Siebzigerjahren viel für Joe Cocker komponierte, waren das Gitarrist Andy Fairweather-Low, in den Sixties Chef der Band Amen Corner, sowie der groß aufspielende Orgler Paul Carrack. Das von ihm komponierte und sehr soulig gesungene „How Long“ begeisterte mehr als das meiste von Clapton.

 

Publikum rief nach „Cocaine“

Enttäuschend auch, dass dieser keinen einzigen Song seines ziemlich schönen neuen Albums „Old Sock“ spielte. Man fragt sich schon, was es einem Musiker geben kann, immer wieder die gleichen Lieder zu singen. Dazu kommt, dass Clapton die den Originalen innewohnende Kraft zur Transzendenz konsequent zum Verschwinden bringt.

Zum Glück fiel nicht alles an diesem Abend der Verharmlosung anheim. Robert Johnsons Glücksspielsong „Little Queen Of Spades“ gestaltete Clapton beinah aufregend. Dass am Ende brave Bürger nach „Cocaine“ riefen, war zwar ein bisserl kurios, aber der alte Hit hatte dringend benötigte belebende Qualitäten. Nach der Zugabe „High Time We Went“ verriet uns ein Blick auf die Uhr: Clapton hat 92 Minuten lang die eigene Jugend nostalgisch bespiegelt. Ewigkeit kann nicht länger dauern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2014)

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