Dr. John: Mehr als ein Totenschädel aus New Orleans

Dr.John sorgte mit einem begeisternden Konzert für den späten Höhepunkt des heurigen Jazzfests Wien. Voodoo, Weltschmerz und Karnevalsumzug mischten sich da anstrengungslos.

(c) Lisa Houlgrave

Auf dem Flügel lag ein Totenschädel, wohlplatziert auf einem samtenen Tüchlein. Das hat weniger mit Memento mori zu tun als mit dem in New Orleans lustvoll gepflegten Ahnenkult. Wenn man mit Dr.John plaudert, wie es „Die Presse“ nach dem Konzert tat, dann fallen zwangsläufig Namen verstorbener Musiker: Percy Mayfield, Louis Armstrong, Google Eyes, Jimmy Scott, Professor Longhair – sie alle leben in Dr. Johns beinah mütterlich integrierendem Mischstil weiter.

Die Musikszene von New Orleans gemeindet aber auch Talent rasch ein. Etwa die aus Ohio stammende Posaunistin Sarah Morrow, mit der Dr.John gerade eine Hommage an Louis Armstrong vorbereitet. Auf sie hält er große Stücke. Wie auch auf Dan Auerbach von den Black Keys, der Dr.Johns letztes Werk „Locked Down“ produziert hat. „Zu Beginn war ich ein wenig ungehalten. Er wollte unbedingt, dass ich eine Farfisa-Orgel spiele, wie sie das Sir Douglas Quintet in den Sixties verwendet hat. Eigentlich eine Zumutung! Dass mir dessen Sound dann doch gefiel, hat mich selbst am meisten erstaunt.“

Genau das zeichnet den bald 74-Jährigen aus. Er hat sich als Musiker oft in Situationen begeben, die außerhalb seiner Komfortzone lagen. Mit Paul Weller und dem London Gospel Community Choir spielte er 1998 „Anotha Zone“ ein, das eine ähnliche Großtat wie das aktuelle „Locked Down“ war.

Begonnen hat der Abend im Arkadenhof des Rathauses mit den traditionelleren Klängen der Preservation Hall Jazz Band. Sie herzte steinaltes Liedgut wie „St. James Infirmary“ und „When The Saints Go Marching In“. Daran schloss Dr. John klug mit „Tipitina“ und dem kreolisch-indianischen Karnevalsklassiker „Iko Iko“ an. Die von Morrow geleitete Band glänzte nicht nur in den folkloristischen Passagen. „Renegade“, bei dem Dr.John seinen nasal-gutturalen Gesangston besonders ätzend erklingen ließ, nützten die Musiker für gefährliche Grooves. „Don't send me no more of those Jesus preachers“, quengelte der durch seinen permanenten Lebenskampf schon leicht entnervte Protagonist hier.

Bald kam Voodoo mit ins Spiel. „Put Gris-Gris (ein Voodoo-Amulett, Anm.) on your doorstep, soon you'll be in the gutter, melt your heart like butter“, sang der Doktor maliziös in „Walked On Guilded Splinters.“ Höhepunkt war das aufwieglerische „Revolution“. So hart ist Dr. John noch nie mit der amerikanischen Gesellschaft ins Gericht gegangen. „Blind eyes of justice, deaf eyes of power, dumb moves of money – left us in a desperate hour.“ Im Refrain fragte er sogar: „Rebellious revolution – is this the final solution?“.

Auch älteres Material gefiel mit dieser scharfen Kombo sehr. „Right Place, Wrong Time“ und das unverwüstliche „Such A Night“. Mit dem Ruf „The world is lost!“ lockte Dr.John in sein „Kingdom Of Izzness“, ein Schattenreich, in dem nur die unmittelbare Lust gewiss ist. Hier erweist sich: Hedonismus ohne Ethik ist unlebbar. Der alte Wüstling hat eben doch Moral!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2014)

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