Song Contest würde Wien bis zu 23 Millionen Euro kosten

Interne Zahlen aus dem Rathaus zeigen: Der Song Contest würde teuer werden. Sehr teuer. Und selbst diese Zahlen sind noch geschönt.

EUROVISION SONG CONTEST 2015: WIENER STADTHALLE
EUROVISION SONG CONTEST 2015: WIENER STADTHALLE
Archivbild: Die Wiener Stadthalle – APA/HANS KLAUS TECHT

Christian Oxonitsch soll ordentlich geschluckt haben, als ihm der Zettel auf den Schreibtisch gelegt wurde. Darauf stand eine Zahl, die der etwas blass gewordene Wiener Stadtrat schweigend betrachtete. In diesem Moment dürfte er erkannt haben: Die Stadt hat ein Problem.

Erstellt hat das Papier Wolfgang Fischer, Geschäftsführer der Wiener Stadthalle. Und dieser hat darin aufgelistet, wie viel allein die Adaptionen der (in die Jahre gekommenen) Stadthalle kostet, falls Wien den Zuschlag vor Innsbruck und Graz bekommt: Satte elf Millionen Euro hat Fischer berechnet, damit die Stadthalle technisch überhaupt in der Lage ist, dieses Event am 23. Mai 2015 über die Bühne zu bringen. Das bestätigt ein Informant mit Zugang zu diesen Berechnungen der „Presse am Sonntag".

Teuer als Mariahilfer Straße. Für die Stadt wäre der Song Contest damit teuer. Sehr teuer. Und deutlich teurer als zum Zeitpunkt der Bewerbung geplant, wie im Rathaus inoffiziell bestätigt wird. Denn zu den elf Millionen Euro kommt noch jener Betrag, den der Austragungsort als Unterstützung für das Event an den ORF zahlen muss. Und das sind mindestens zehn Millionen Euro. Damit würde der Eurovision Song Contest die Stadt mindestens 21 Millionen Euro kosten, dazu kommen noch 1,7 Millionen Euro wegen einer "kreativen Kostenschätzung" (siehe unten), was die Stadthalle aber dementiert. Jedenfalls wäre diese Veranstaltung gleich teuer wie der Totalumbau der 1,8 Kilometer langen Mariahilfer Straße.

Es wäre auch eine ähnliche Dimension wie der großzügige Anteil der Stadt für den Neubau des Hanappi-Stadions. Also eine Summe, welche die Stadt in schwierigen Zeiten, in denen an allen Ecken und Enden gespart wird, schwer aufbringen kann. Bekommt Wien den Song Contest, müsste das Geld von anderen geplanten Projekten abgezogen werden, ist zu hören.

Zur Erklärung: Der ORF hat für das Event einen Kostenrahmen von 25 Millionen Euro vorgesehen. Von den Bewerberstädten erwartet sich der Sender einen finanziellen Beitrag - immerhin bietet der Song Contest dem Austragungsort eine internationale Bühne vor rund 180 Millionen TV-Zusehern. Die Marke liegt bei zehn Millionen Euro, die Innsbruck dem Vernehmen nach für den Zuschlag bietet. „Darunter wird es nicht gehen", hat ein Tiroler ORF-Stiftungsrat öffentlich gemeint.

Bürgermeister Michael Häupl will den Song Contest. Doch (hochrangige) Involvierte hoffen, „dass dieser Kelch an uns vorübergeht", wie es formuliert wird. Zwar hätte Wien so eine große internationale Präsenz, aber stünde der Preis wirklich dafür? Wien sei außerdem nicht auf den Song Contest angewiesen, da es viele andere prominente Veranstaltungen habe (z. B. den Life Ball) und sowieso eine bekannte Trademark sei, heißt es.

Was die Kosten in die Höhe treibt: Die Absage der im Mai 2015 fix gebuchten Veranstaltungen in der Stadthalle gehen in die Millionen - es fallen entsprechende Pönalezahlungen an. Die Stadthalle muss auch völlig ausgeräumt werden, was enorme Kosten verursacht. Und technische Adaptierungen wie eine Klimatisierung (eine Auflage für das Event) werden extrem teuer. Zusätzlich stellte der ORF dem Vernehmen nach zahlreiche weitere Forderungen wie Freifahrt in den öffentlichen Verkehrsmitteln, denn Innsbruck würde ein sehr gutes Verkehrskonzept mit Gratis-Shuttlebussen bieten.

Kreative Kostenschätzung. Dazu kommt ein weiteres Detail. Die politisch Verantwortlichen wussten bisher nicht, dass die Zahlen der Stadthalle nach "Presse"-Informationen geschönt sind. Die Adaptierung würde in Wirklichkeit nicht elf, sondern 12,7 Millionen Euro kosten - also fast zwei Millionen mehr, erzählte ein Informant, dem die ursprüngliche Berechnung vorlag. Stadthallen-Chef Fischer habe die Zahl nach unten gerechnet, damit die Stadt wegen der enormen Kosten keinen Rückzieher mache, erzählt er. Was seitens der Stadthalle dementiert wird. Vor allem die enormen Kosten für die Klimatisierung sollen geschönt worden sein. Fischer wolle das Event unbedingt, um notwendige Investitionen für die Stadthalle zu bekommen, heißt es: Er wolle sich mit der Organisation des Song Contests auch profilieren, nachdem sein Job ordentlich wackle.

Die Informationen der „Presse am Sonntag" wurden von der Stadthalle zuerst weder bestätigt noch dementiert. Da es sich „um ein laufendes Verfahren" handle, gibt es keinen Kommentar. Weder zu internen Kostenschätzungen noch dazu, ob diese Kosten halten werden. Später wurden die Kosten dementiert. Kein Kommentar hieß es auch aus dem Büro des zuständigen Stadtrats Oxonitsch.

Wien baut Favoritenrolle aus. Jene, die hoffen, dass „dieser Kelch", also der Songcontest, an Wien vorübergehen wird, dürften in der Zwischenzeit noch unruhiger geworden sein - Wien ist seit wenigen Tagen der Topfavorit. Denn die Austria Presse Agenturberichtete mit Berufung auf ORF-Kreise: Die European Broadcasting Union (der Zusammenschluss von 74 Rundfunkanstalten in 56 Staaten) präferiere Wien. Und für den ORF gebe es „auch etliche weitere Argumente" für die Stadthalle.

Die Bewerber

Wien. Die Bundeshauptstadt ist der Topfavorit, nachdem laut Medienberichten die European Broadcasting Union für Wien plädiert.

Graz. Die steirische Landeshauptstadt versucht, mit der Lage der Grazer Stadthalle zu punkten. Sie ist in das Messegelände eingebettet, wo der ORF auf zahlreiche Hallen zurückgreifen könnte.

Innsbruck. Die Tiroler Landeshauptstadt geht mit der Olympiahalle ins Rennen. Sie ist zwar klein, im Umfeld gibt es aber genug Freiflächen für die Zelte etc.

>> Was für Graz und Innsbruck spricht

("Die Presse am Sonntag", Print-Ausgabe, 27. Juli 2014)

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