Paul Weller: Der alte Mod und die heutige Jugend

Paul Weller, Gentleman des Brit-Pop, konnte seinen 50.Geburtstag auf Platz eins der britischen Charts feiern.

(c) AP (Jon Super)

Das fortgeschrittene Alter sieht man seinen Fans viel eher an als ihm selbst. Den feschen Paul, die immergrüne Ikone des Brit-Pop, hat es jetzt dennoch erwischt: Er wurde 50.

Freilich, ihm ist weder die Figur verrutscht noch die Frisur. Zudem kann der „Modfather“ bei Bedarf auch gerne auf ältere Herren im Musikgeschäft verweisen, auf die eine Bezeichnung wie „Turbo-Methusalem“ weit besser passt: „Kürzlich sah ich Iggy Pop live, der war extrem gut drauf! Auch Pete Townshend spielt noch wie ein Teenager. Als Musiker vergeht alles so schnell“, klagte Weller dezent in einer Plauderei mit der „Presse“: „Letztes Jahr wurden es unglaubliche 30 Jahre, seit ich mein erstes Album aufnahm. Doch all diese Gefühle des Zwiespalts verlieren sich, wenn ich auf der Bühne stehe. Wenn es gut ist, dann ist es sehr gut, wenn es aber schlecht ist, dann ist es unsagbar schlecht. In jedem Fall aber ist es eine kathartische Erfahrung.“

Paul Weller ist eine allgemein akzeptierte Integrationsfigur im Brit-Pop, wie es sie vor ihm nicht gegeben hat. Er hat mit den alten Meistern aus den Sechzigerjahren gearbeitet, mit Pete Townshend, Ray Davis, Steve Winwood und Paul McCartney, er wird sogar von Bands geschätzt, die einander hassen, wie z.B. Blur und Oasis. Und lobt er ganz junge Formationen, wie The Kooks und Arctic Monkeys, so empfinden die das wie einen königlichen Ritterschlag.

Als Weller 1977 mit seiner bereits 1972 gegründeten Band The Jam auf Platte debütierte, deutete sich sein weiter Horizont schon rauschend an. „In The City“ bot energetische Musik, die stilistisch zwischen Sixties-R&B, Soul, Modrock und Punk irrlichterte. Es folgten weitere fünf Alben, von denen vor allem „All Mod Cons“ und „Sound Affects“ den Test der Zeit ausgezeichnet bestanden haben. In prallen Drei-Minuten-Songs wie „A Bomb In Wardour Street“ und „That's Entertainment“ wurden Schutt und Glorie des Empire abgehandelt, hielten sich gesunder Zynismus und trotziger Idealismus die Waage. „Eton Rifles“ war 1979 der erste Jam-Song in den Top-Drei der Charts. Im März 1980 wurde „Going Underground“ zur ersten Nummer eins. Insgesamt viermal standen Singles von The Jam an der Spitze der britischen Charts. Darunter 1982 „Town Called Malice“, Wellers pointierte Anklage der sozialen Folgen des Thatcherismus.


Zorn mit weißen Socken

Auch mit seinem nächsten Bandprojekt, dem mit Keyboarder Mick Talbot realisierten Style Council, pflegte der junge Weller seinen Zorn. Wenngleich mit weißen Socken und umgehängtem Pullover. „Our Favourite Shop“ (1985) wurde mit seiner Mischung aus Gewerkschafter-Lyrics und gezierten Arrangements zum Manifest der damaligen Mod-Generation. Diese Bewegung, die ihre Anfänge in den Fünfzigerjahren hat, sieht sich strikt modernistisch, ist aber im Kern nostalgisch: Die beste Zeit liegt für den Mod stets in der Vergangenheit. Aus französischem Film und amerikanischem Soul und Jazz schaut er sich modische Details ab, fährt Moped und legt Wert auf Frisuren mit markantem Scheitel. Er ist so was wie das weltoffene Arbeiterklasse-Pendant zum aristokratischen Dandy. Die ungeniert geschmäcklerischen Style Council wurden sofort zu Ikonen der Mods: die Revolte auf der Zunge, den edlen Zwirn auf der Haut.

Vor allem was das erstere anlangt, sieht Weller ein Manko bei der heutigen, vergleichsweise unpolitischen: „Die technischen Möglichkeiten machen faul“, klagt er: „Die Jungen konzentrieren sich nicht mehr auf eine Sache. Wir wollten für die Musik leben und sterben. Die Jugendlichen heute aber sagen: Wenn das mit der Musik nicht klappt, mache ich eben was anderes.“

Solche Art von Flexibilität ist für den radikalen Individualisten und leidenschaftlichen Musiker ein Gräuel. Ihm bedeutet das Schreiben von Songs vor allem „den ständigen Versuch, über sich selbst hinauszukommen“. Seit 1992 tourt Weller jährlich, bringt superbe Soloalben wie „Wild Wood“ und Stanley Road“ heraus.

Zum 50. ist nun „22 Dreams“ erschienen, das sofort auf Platz eins der britischen Albumcharts schoss. Es wirkt in seiner Vielfalt wie ein Kaleidoskop all dessen, was Weller je an Genres angefasst hat: Rüder Rock steht neben jazzgetränkter Psychedelia, Cappuccino-Soul neben folkigen Preziosen, radikale Utopie neben stilvollem Sixties-Zitat. Weller sinniert über Kämpfe ohne Publikum, über das jähe Verstummen in Partnerschaften, über den rätselhaften Wechsel der Jahreszeiten, das unerbittliche Vergehen der Jahre. Einer der Songtitel könnte als Motto über dem rasanten Leben des Paul Weller stehen. Er lautet so schlicht wie pointiert: „Why walk when you can run?“

Paul Weller: Basic Facts

Geboren am 25.5.1958 in Woking, Grafschaft Surrey. Sohn einer Putzfrau und eines Bauarbeiters. Wuchs in der Arbeitersiedlung „Stanley Road“ auf, entdeckte mit 14 Lagerbier, Sex und Gitarre. Hat noch nie einen Song aus dem Internet geladen.

Bands: The Jam (1977 bis 1982), Style Council (1983 bis 1989), danach neun Soloalben. Zuletzt „22 Dreams“.

Kinder: fünf, zwei davon mit Sängerin Dee C.Lee. Die zwei ältesten machen Musik, zum Leidwesen des Vaters aber nur hobbymäßig.

Fashion: exzessiver Gebrauch von Halstüchern. Niemals Jeans. Oft Loafers.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2008)

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