Jazz & The City: Kunstkrawall und Zungenartistik

Die 15. Ausgabe des Festivals brachte Salzburg in Vibration. Zu den Highlights zählte u. a. Heimisches wie König Leopold, Donauwellenreiter, Madame Baheux.

(c) Jazz & The City

Vom Weinarchiv des Arthotels Zur Blauen Gans bis zu den in den Mönchsberg eingelassenen Kavernen, vom „Club der Träumer“ im M32 bis zum Marmorsaal des Schlosses Mirabell: Überall kam es zeitweilig zu tumultartigen Szenen, weil mehr Leute hinein wollten als durften. Das von Inga Horny vor 15 Jahren als Gratisevent konzipierte Festival Jazz & The City generierte heuer besonders viel Interesse. Das Erstaunliche daran? Es glückte mit einem avancierten Programm. Das begann schon mittwochs mit dem Eröffnungskonzert der famosen Ethio-Soulsängerin Ester Rada, die mit mesmeristisch-magischer Attitüde in ihren Bann zog. Obwohl hierzulande praktisch noch unbekannt, lockte sie Massen ins Republic Theater. Dem seit einigen Jahren wirkenden künstlerischen Leiter Gerhard Eder gelang es, den als konservativ geltenden Salzburgern die Ohren zu spitzen. So verstiegen, so exzentrisch kann kein Musikkonzept sein, dass es an den Abenden von Jazz & The City nicht gestürmt würde.

John Scofields sophistischer Funk

Selbst wenig auffällige Charaktere, wie der amerikanische Gitarrist John Scofield, zehren von der grundsätzlichen Begeisterung. Im Trio mit Steve Swallow und Bill Stewart angetreten, gab er sich größtenteils kontemplativ. Technisch gesehen kann Scofield alles. Dankenswerterweise will er es nicht ständig demonstrieren. Sein sophistischer Funk simmerte in Stücken wie „Chicken Dog“ bewusst auf kleiner Flamme dahin. Auch die zärtlich gegen den Strich gebürstete Interpretation des Carla-Bley-Klassikers „Lawns“ begeisterte. Trotz historistischen Ansatzes gab es immer wieder Momente sehr persönlicher Innigkeit. Schon allein die Raffinesse, mit der Scofield seine Stücke verklingen ließ, war aufsehenerregend. Mal neckte er mit Kadenzflucht, dann wieder mit jähem Verstummen. Danach lockte ein wüstes Quartett aus London. Sons Of Kemet machten binnen weniger Minuten klar, dass ihre Seligkeit aus der Dissonanz wächst. Je zwei Bläser und zwei Schlagzeuger bemühten sich um eine harsch klingende Existenzreflexion. Man konnte sie leicht erkennen, diese beredte Unzufriedenheit mit den Verhältnissen, die den zeitgenössischen britischen Jazz prägt. Da riss und zog es nach allen Seiten, ganz so, als zerfiele jeden Moment ein scheinheiliges Ganzes.

In konstruktivere Klangwelten entführte anderntags die Formation Donauwellenreiter. Die ladinisch intonierende Sängerin Maria Craffonara lockte mit Liedern wie „Vitalité“ und „Messeii“ in ein Reich der Regionen, wo unsichtbare Grenzen zarte Lautverschiebungen etablieren. Der zärtlich auf- und abwallende Sound war eine gelungene Mischung aus Kammerorchester und Ambientjazzband. Die erstaunlich eingängigen Melodien purzelten allesamt aus dem Kopf von Thomas Castanéda, einem Tiroler mit mexikanischen Wurzeln. Statt des Akkordeonisten Nikola Zric spielt nun Lukas Lauermann Cello beim Donauwellenreiter. Das bringt schwebende Modernität ins elegante Klangbild, das durch Craffonaras spitze Schreie und schräges Violinspiel immer wieder wirksam hintertrieben wurde.

Exzentrisch gab sich auch die Wiener Frauenkombo Madame Baheux. Die famose Sängerin Jelena Poprzan lockt in balkanische Schluchten ebenso wie auf die weinbewachsenen Wiener Hausberge. Georg Kreislers „Meine Freiheit, deine Freiheit“, als altösterreichischer Rap angekündigt, begeisterte wie das hypnotische, gitarrengetriebene „Ljubi's Song“. Highlight aber war „Das Schawapeanzara-Lied“, das die Konflikte zwischen Hiesigen und „Zuagrasten“ pointenreich abhandelte. Wie Poprzan da das imaginäre Experimentalwienerisch des Komponisten Richard Schuberth zungentechnisch bewältigte, das hatte wahrhaft Artistisches.

 

Eine bloße Wampe wider das Ideal

Schön kontrastreich war auch das, was sich später im Republic Theater tat. Da verlustierte sich der skandinavische Trompeter Nils Petter Molvaer in ruhigen, nur ganz sanft von einem Banjo aufgewühlten Texturen, während im Saal davor das heimische Kunstkrawallduo König Leopold das tobende Publikum mit Wahnsinn impfte. Der Reigen der gemütsaufkräuselnden Lieder reichte da vom cholesterinreichen Hit „Kohlhauser“ über den Vocoderschlager „Lutsch mir meine Eier“ bis hin zum Reggaeklassiker „Police in Helicopter“. Dass das lange Zeit hinter den Laptops verschanzte Girl dann für zwei rasant-quietschige Raps in die Bühnenmitte stürmte, entzückte fast ebenso wie die von Beginn an entblößte Wampe von Sänger Leo Riegler. Die stand für eine Leibphilosophie, die bewusst am Ideal der Zeit vorbeischrammt und das von ihr ausgelöste Gelächter gegen die Lachenden richtet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2014)

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