Marilies Jagsch: Lieder für die Baisse

Tragischer Folk mit verstecktem Humor: Marilies Jagsch, neue Stimme aus Oberösterreich.

(c) Medienmanufaktur

Der in Zeitgeistcafés plätschernde Sound of Vienna hat ausgedient; die Beliebtheit der elektronischen Wohlfühlklangtapete à la Kruder & Dorfmeister hat in Zeiten abstürzender Börsenkurse ebenfalls eine Baisse erreicht. Was hört man in Momenten des Zitterns, Schlotterns und Nervenreißens? Richtig! Man erinnert sich an ein Genre, das nie mit Trost und Rat gegeizt hat: Es sind die Singer/Songwriter, die zu allen Zeiten Ungemach in Poesie und schönste Melodien verwandelten.

In den USA faszinieren etwa Devendra Banhart und Bonnie Prince Billy: Einzelgänger, die sich bewusst von der verzweifelten Kampfkommerzialität des Musikbusiness fernhalten und darob ein dankbares internationales Publikum finden. So wie die 23-jährige Marilies Jagsch, Österreichs interessanteste Stimme im „Indie“-Sektor, die mit ihrem viel beachteten Debüt „Obituary for a Lost Mind“ für Furore sorgte.

 

Protest der Regenwürmer

Bleiche Haut, dunkles Haar, veritable Augenringe, ein mysteriöses Muttermal in der Iris: Frauen wie Jagsch werden gerne als „apart“ bezeichnet. Auch ihre Musik ist auf ungewöhnliche Weise ansprechend, lotst durch die Sümpfe emotionaler Ausnahmezustände. Dennoch ist ihrer Musik nichts ferner als die larmoyante Betroffenheit des frühen Austropop. Die kennt sie gar nicht.

Auch die tieftraurige Anmutung ihrer Lieder relativiert sie im Gespräch mit der „Presse“: „Ich tu mir schwer mit dem Begriff Melancholie. Der ist für mich damit verbunden, dass man einen gewissen Gefallen an der Traurigkeit findet. Das ist bei mir nicht der Fall. Die Grundstimmung meiner Musik mag traurig sein, aber es gibt viele Elemente des Kämpferischen in ihr. Sogar Ironie, bloß bin ich draufgekommen, versteht die kaum einer.“ Humor blitzt etwa im folkigen „Concrete Garden“ auf: Jagsch berichtet von Regenwürmern, die Protestlieder dagegen singen, dass sie permanent von Gartenwerkzeugen zerhackt werden. Nicht unbedingt der Stoff für die schmerzverliebte Solidargemeinschaft der Schwarzgalligen.

Andere Songs schwelgen freilich in Innerlichkeit. Könnte die eine politische Dimension haben? Da wird die introvertierte Künstlerin lebhaft: „Ich habe keinerlei Lust, mit meiner Musik Botschaften zu übermitteln! Wenn man genau zuhört, könnte man ein paar kleine politische Elemente entdecken, aber ich bin kein Fan von plakativen Texten. Das belehrende Element stört mich.“

Was hört Jagsch selbst? „Momentan nur Bonnie Prince Billy. Seine Stimme hat total beruhigende Wirkung auf mich. Mein vielleicht größtes Vorbild ist Howe Gelb. Ein attraktiver Mann, aber wohl schon zu alt für mich...“ Vorbilder für ihre sich an existenziellen Zumutungen entzündende Ironie findet sie im Kino: „Es ist der isländische Film, für den ich eine tiefe Leidenschaft hege. Nirgendwo sonst verbindet sich Trauriges und Lustiges auf derart lockere Art. Mit platten Komödien à la Wes Anderson kann ich hingegen gar nichts anfangen.“

Oberflächliche Harmonisierung liegt ihr auch im Leben nicht. Und in Sachen Karriere verlässt sie sich auf ihren Realitätssinn: „Ich rechne nicht damit, dass ich von meiner Musik leben kann, schon weil ich viele gute Musiker in meinem Umfeld habe, die nicht im entferntesten davon leben können. In Österreich ist das nur schwer möglich.“

Dennoch wird sie Wien die Treue halten: „Ich liebe die Anonymität der Großstadt. Eine Zeit lang habe ich in Meidling gewohnt. Wenn ich da spazieren war, habe ich geglaubt, ich bin auf Urlaub.“

DEMNÄCHST LIVE

Beim „Blue Bird Festival“ (20.–22.11. im Wiener Porgy & Bess, veranstaltet von der „Vienna Songwriting Association“), tritt Marilies Jagsch am 22.11. auf. Weiters im Programm: Michael Gira (US), Okkervil River (US), Gustav (A), Wallis Bird (Irland) u.v.a. Info: www.songwriting.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.11.2008)

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