Muthspiel: Applaus kann auch gefährlich sein

Wolfgang Muthspiel stellt sein neues Gitarrentrio MGT im Wiener Konzerthaus vor. Der „Presse“ erklärte er seine Prinzipien – und was vom Jazz bleiben wird.

Muthspiel
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(c) APA (SCHNEIDER Georges)

Die Presse: Alle drei Gitarristen von MGT haben einen klassischen Background. Wie wichtig ist das für Ihren Zugang zum Jazz?

Wolfgang Muthspiel: Die klassische Gitarre ist ein sehr leises, fragiles Instrument. Richtig abdrücken kann man auf ihr nicht. Man muss sich sehr bemühen, um aus diesem kleinen dynamischen Spektrum einen großen Raum zu erschaffen. Man muss viel auslassen, viel die imaginierte Musik walten lassen.

Ist ein Gitarrentrio nicht immer von Notenkonfusion bedroht?

Muthspiel: Um das richtige Maß zu finden, muss man proben! Bei uns steht die Komposition im Zentrum. Improvisation passiert auch, aber eher nur als Ornament. Wichtig ist, dass sich jeder klug zurücknehmen kann.

Und was ist Ihre Maxime für Improvisation?

Muthspiel: Das Brechen mit jeder Erwartungshaltung. Als Jazzer muss man in der Lage sein, jedem Impuls unmittelbar nachzugeben. Beim klassischen Interpreten ist das anders: Der weiß immer, was der nächste Ton sein wird. Die ganz tollen klassischen Interpreten schaffen es dennoch, den Eindruck zu erwecken, dass die Musik im Augenblick entsteht. Ein Gulda konnte das. Jedenfalls darf man nie dabei denken, ob das beim Publikum gut ankommt.

Beeinflusst Sie das Publikum denn gar nicht?

Muthspiel: Es kann einem helfen. Der Einfluss kann aber auch negativ sein. Bisweilen muss man sich sogar vorm Publikum schützen, um in der Musik zu bleiben. Aus meinen Live-Mitschnitten habe ich gelernt: Oft erweisen sich Passagen, die sehr gut angekommen sind, als mittelprächtig oder gar schlecht. Und Momente, die ignoriert wurden, als toll.

Sie misstrauen also dem Applaus.

Muthspiel: In der Musik müssen stets die eigenen Ideale im Vordergrund stehen. Wenn Kollegen das für den Applauses vernachlässigen, entwickle ich eine Allergie. Es geht nicht darum, dass es den Menschen nicht gefallen darf! Sogar im Pop gibt es prinzipientreue Künstler. Prince etwa, der hat eigene Werte, und doch ist, was er macht, sehr massenkompatibel. Es gilt: Feedback ist nett, aber man darf nicht zu sehr darauf eingehen.

Ihrem Lehrer, dem 2005 verstorbenen Harry Pepl, hat die Musik sogar die Gesundheit ruiniert. Hat der Jazz zerstörerische Potenziale?

Muthspiel: Pepl hat als Musiker innere Lawinen zum Ausdruck gebracht. Seine Musik hatte, schon lange bevor er krank wurde, etwas Gefährliches: Jede Phrase war schon ein wenig am Rand. Ich will etwas ganz anderes. Bei mir gibt es keine großen Turbulenzen, die ich über die Gitarre ausagiere. Auf die Gefahr hin, dass das ein wenig heilig klingt: Mir geht es darum, zu dem Punkt zu gelangen, wo sich die Musik quasi selbst spielt.

Hat der Jazz noch Entwicklungsmöglichkeiten?

Muthspiel: Die Frage stellt sich so für mich nicht. Ich will Musik spielen, die jenseits aller Genres ist, die genau ausdrückt, was ich bin. Das mit der Subjektivität wird sich nie aufhören. Ob das irgendwann einmal nicht mehr Jazz heißen wird, ist mir egal. Ich möchte radikaler werden, alle meine Sicherheiten hinterfragen. Mein Luxus ist, dass ich dafür auch noch bezahlt werde.

STEIRISCHER STARGITARRIST

Wolfgang Muthspiel, geboren 1965 in Judenburg, ist ein international gefragter Jazzgitarrist von großer Stilvielfalt.

Sein Trio MGT debütiert heute, 2.März, im Wiener Konzerthaus, Großer Saal.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2009)

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