Soap&Skin: Das schwärzeste Rosa

Düsternis aus der Oststeiermark für die ganze Welt: Anja Plaschg veröffentlicht ihr lang erwartetes Debütalbum „Lovetune for Vacuum“ europaweit.

(c) Label

Von „schockierender Vehemenz“ und „fast beängstigender Tiefe“, von „unglaublicher Schönheit“ und „immer unbeschreiblicher Stimme“ war schon zu lesen. Ob und welche Grenzen des künstlerischen Ausdrucks Anja Plaschg vulgo „Soap & Skin“ überschreitet, darüber kann man streiten, ihre Bewunderer erreichen regelmäßig die Grenzen ihrer Ausdrucksfähigkeit. Diese 18-Jährige mit dem Schau-mich-nicht-an-Blick, diese Bauerntochter aus dem oststeirischen Dorf Gnas, diese Klavierschülerin, diese Ex-Kunststudentin hat sich in den letzten zwei Jahren ein Image erspielt, für dessen Aufbau ein gerissener PR-Agent ein kleines Vermögen verlangen würde. Anja Plaschg braucht keinen PR-Agenten. Sie ist.

Ist sie? Und was ist sie? Eine Kunstfigur? Eine Maske? Eine Person? Oder ein Mensch, der vor Publikum zerbricht? Sind ihre Bewunderer, die ihr neben „Intensität“ – dem hilflosesten Wort, über das wir Kritiker verfügen – vor allem attestieren, dass sie „erschreckend“ sei, alle Voyeure? Natürlich nicht. Wir wissen: Wer auf der Bühne stirbt, verbeugt sich bald. Und von der leisen Unsicherheit, ob hier nicht das Leben – respektive seine Verneinung – selbst gespielt wird, zehrt ein zeitloser Kunstdiskurs: Muss die Künstlerin alles wirklich erleben? Und ist Kunst wertvoller, wenn sie Wirkliches darstellt?

 

Im Schweinestall, in der Grottenbahn

Man hat Plaschg schon auf der Bühne weinen erlebt. Aber man hat sie auch in dem (ansonsten grauenhaften) Theaterstück „Sphinx aus Eis“ – über die Sängerin Nico, ein erklärtes Vorbild von Plaschg – auf einer Wiener Kleinbühne als im guten Sinn berechnende Darstellerin gesehen. Und wenn die Tochter von Schweinebauern sich für ein Video nackt im Stall filmen lässt, ist das sehr bewusstes Kunststudentinnenspiel mit der eigenen (realen) Identität.

Sie weiß, was sie tut. Und ihr erstes Album bestätigt: Auch wenn ihre Lieder ziemlich plakativ (böse Zungen könnten sagen: spekulativ) „Thanatos“, „Extinguish Me“, „Marche Funebre“ und „Brother of Sleep“ heißen, Plaschg führt uns durch keine reine Düsterwelt. „Soap & Skin“ ist keine reine Geisterbahn. Sondern auch eine Grottenbahn. Ihre Musik ist nicht nur schwarz, sondern auch rosa. Liebliches und Verstörendes wohnen in ihren Stücken nebeneinander, das bis zur Süßlichkeit harmonische Klavierschülerinnen-Klavier steht neben ungemütlicheren, teils rätselhaften Klängen aus den Schaltkreisen. Ist das eine Schreibmaschine in „Cry Wolf“? Eine Fahrradwerkstatt in „DDMMYYYY“? Sind das Schreie oder Atemzüge in „Turbine Womb“? Es ist eine fremde und seltsame Welt. Eine neue, noch unheimliche Welt, eine Kinderwelt.

Haben Verletzungen aus der Kindheit dieses Gemüt verdüstert? Man muss kein assoziiertes Mitglied der Psychoszene sein, um auf diese Interpretation zu kommen. Wahrscheinlich in diesem Sinn ist ein schreibender Kollege auf die – bei einer immerhin achtzehnjährigen Künstlerin ziemlich ungewöhnliche – Idee gekommen, Plaschgs Eltern zu interviewen. Ergebnis: Sie sind eh freundliche Menschen und sie wünschen ihrer Tochter alles Gute.

„Als ich ein Kind war“, singt Plaschg in „The Spiracle“, „habe ich beim Kämpfen mit Dünger geworfen; als ich ein Kind war, habe ich die Schnecken getötet, ich habe mit einem Zweig in ihr Atemloch gebohrt.“

Unschuldige Grausamkeit. In der nächsten Strophe tötet sie die Schlägertypen, in der übernächsten ihre eigenen Gedanken. In diesem Song hört man einen der wenigen deutlichen Aufschreie auf dem Album, er ist immer noch gedämpft: Diese Frau verschwendet ihre Ausdrucksmittel nicht, darin unterscheidet sie sich wesentlich von Hysterieartistinnen wie Diamanda Galas, einen Gutteil der Zeit flüstert, raunt sie. Und man erwischt sich dabei, dass man sie unbedingt verstehen will, rein akustisch zuerst, dann überhaupt. Das wird noch viele erwischen. Soap&Skin wird noch viel berühmter werden.

Soap&SKIN: Fakten

Anja Plaschg wurde am 5.April 1990 in Gnas, Steiermark, geboren. 2007 ging sie nach Wien, begann ein Kunststudium bei Daniel Richter. 2008 erschien die EP „Janitor of Lunacy“ (mit dem gleichnamigen Song von Nico), am 6.März veröffentlicht sie ihr erstes Album „Lovetune for Vacuum“, das sie praktisch allein produziert hat.

Live präsentiert sie es am 6.3., 21 Uhr, im Wiener Theater „brut“ im Künstlerhaus (ausverkauft). Es folgt eine Tour von Dornbirn bis London. Info: www.soapandskin.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2009)

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