Songcontest: Die unerträgliche Nettigkeit des Pop

Zur Show „Wer singt für Österreich?“ lud der ORF 16 Bands und Sänger ein. Eine brave Vorstellung.

Mizgebonez haben sich eine originelle Vorgeschichte einfallen lassen: Sie wollen aus einem mysteriösen, versteckten Alpendorf stammen.
Mizgebonez haben sich eine originelle Vorgeschichte einfallen lassen: Sie wollen aus einem mysteriösen, versteckten Alpendorf stammen.
Mizgebonez haben sich eine originelle Vorgeschichte einfallen lassen: Sie wollen aus einem mysteriösen, versteckten Alpendorf stammen. – (c) APA/ORF/MILENKO BADZIC (MILENKO BADZIC)

„Es gibt fantastische Talente hier“, sagte Clara Blume. „Die Konkurrenz ist supercool“, sagten Folkshilfe. „Das ist eine super Plattform“, sagten Lemo. „Wir versuchen, das Beste zu geben“, sagten Johann Sebastian Bass. „Der ORF zeigt Mut, Bands wie uns einzuladen“, sagten Kommando Elefant. Lieb.

Mit der Songcontest-Vorauswahlshow „Wer singt für Österreich?“, deren erste Folge am Dienstag aufgezeichnet wurde – und die am 22. Februar ausgestrahlt wird –, will der ORF einen Überblick über die österreichische Musikszene im „Jahr eins nach Conchita“ geben. 16 Bands und Interpreten hat man eingeladen, sechs von ihnen ziehen Ende Februar in die drei Finalshows ein. Gemessen an dieser Auswahl eint die österreichische Musikszene vor allem eines: Nettigkeit. Und Bescheidenheit. Kaum einer der Kandidaten gibt zu, dass er unbedingt ins Finale und auf die große Bühne des Songcontests will. „Wenn ich ausscheide, mache ich einfach weiter Musik“, sagt Renato Unterberg. Selbst mit dem geforderten Halbplayback haben sich die Musiker angefreundet. „Das kennen wir schon vom Kiddy Contest“, sagten The Makemakes, die in der Kindersendung tatsächlich schon einmal auftraten.

The Makemakes vertritt Österreich beim Song Contest



Gefühlte acht der 16 Songs handeln von Liebe(sleid). Nach Urlaub ruft die Indie-Landjugend-Combo Folkshilfe gutgelaunt und im Dialekt, auf Französisch singt Zoe, Tochter von Papermoon-Gründer Christof Straub. Das hat schon einmal funktioniert, wie man weiß. Deichkind-Nachahmer Mizgebonez schrammten mit ihrem hysterisch choreografierten „Schwitz die Kilos“ an die Grenze zur Peinlichkeit. Optisch auffällig waren auch Johann Sebastian Bass mit ihren barocken Perücken. Eine eindeutige Botschaft wie Conchita Wurst – Toleranz! – hat keiner der Kandidaten. Wurst finden aber auch alle toll.

Die Coaches „freuen sich total“ auf ihre sechs nach der Auftaktsendung verbleibenden Kandidaten, ausgewählt von einer Jury, zu der etwa Branchenkenner Eberhard Forcher, Diana Lueger, Ewald Tatar und Andi Knoll gehören.

 

„90 Prozent sind mega-langweilig“

„Nieten sind keine dabei“, sagte Coach Alec „Boss Burns“ Völkel. Sein Band-Kollege Sascha „Hoss Power“ Vollmer, beide gehören zur erfolgreichen wie wenig originellen deutschen Band The Boss Hoss, fügte hinzu: „Wir sind Fans von österreichischer Musik.“ Die in Berlin lebende Liedermacherin Anna F. kam kaum zu Wort. Nur der Wiener Rapper Nazar fiel aus der Rolle des fürsorglichen Patenonkels: „90 Prozent sind mega-langweilig“, sagte er, nachdem er die Hälfte der Kandidaten gesehen hatte: „Das hat nichts damit zu tun, was der Songcontest sein will.“ Später revidierte er die Aussage und freute sich auf die Zusammenarbeit mit zumindest fünf der sechs Kandidaten. Für deftige Zitate ist er weiterhin gut, rüttelte gar am Nationalheiligtum: „Conchita Wurst hätte nicht gewinnen sollen“, fand Nazar. „Sie hatte nicht den besten Song.“ Als ob es beim Songcontest bloß um die Qualität des Lieds ginge.

„Wer singt für Österreich?“ will ausdrücklich keine Castingshow sein. Trotzdem darf man sich von Dieter Bohlen, dem Inbegriff des Casting-Jurors, einen Rat holen: „Nur nett reicht nicht.“ Nett ist bekanntlich die kleine Schwester von langweilig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2014)

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