Vier mal fünf: Unsere fünf Songs des Jahres 2014

"Die Presse"-Popkritiker und Kulturredakteure küren ihre fünf Lieblingslieder des Jahres. An der Spitze stehen FKA Twigs, Iggy Azalea, Olympique und Wanda.

Olympique
Olympique
(c) Screenshot Youtube

>> Die Top 5 von Holger Fleischmann <<

1. FKA Twigs: Two Weeks

Sexuelle Spannung verdichtet in vier Minuten puren Pop. Verletzlich und bestimmt zugleich, singt die junge Britin im Falsett über den Trümmern von R'n'B und Hip-Hop: mit überwältigender Präsenz und Zeilen wie "I know it hurts". Hier sitzt jeder Ton, jedes Klopfen, jedes Synthesizer-Schnaufen. Fantastisch.

2. Fennesz - Liminality

Zehnminütiges Zentrum des ausgezeichneten Fennesz-Albums "Becs": Eine melancholisch tönende Gitarre taucht aus einem Meer an Klängen, strahlt hell und verschwindet nach und nach im Rauschen. Ein hypnotisches Meisterstück.

3. Future Islands - Seasons (Waiting For You)

"Seasons change", hebt Samuel T. Herring zu Beginn dieser modernen Synthpop-Hymne an. Der Song wird bleiben, so wie Herrings wahnwitziger Auftritt in der "David Letterman"-Show.

4. Sia -Chandelier

Rihanna, Beyoncé, Katy Perry: Die Kundenliste der australischen Songwriterin Sia Furler liest sich wie das Who-Is-Who des (Mainstream-) Pop unserer Tage. Ihren besten Song behielt sie aber für sich. Und entführte in Höhen wie sonst niemand 2014.

5. Run The Jewels - Close Your Eyes (And Count To Fuck)

Wütender Politkommentar, scharfe Produktion, harte Beats: Run The Jewels, das Duo bestehend aus den Rap-Veteranen El-P und Killer Mike, mit den vielleicht dringlichsten vier Hip-Hop-Minuten des Jahres. Und einem sich brutal einbrennenden Vocal-Sample von Zack De La Rocha.

 

>> Die Top 5 von Samir H. Köck <<

1. Iggy Azalea feat. Charlie XCX - Fancy

Die australische Bauerntochter aus dem Nirgendwo, die ganz alleine nach den USA ausgewandert ist, hat es geschafft. In ihrer ersten Zeit musste sie sich als Putzfrau durchschlagen, jetzt ist sie die hippste, sexieste und kontroversiellte Rapperin der Gegenwart. "Fancy" hat sie gemeinsam mit der britischen Göre Charlie XCX kreiert. Das Video dazu hat auch nach sechzig Mal anschauen noch Pepp.



2. Leonard Cohen - Almost Like The Blues

Ob man das Leben lachend oder weinend verbringt, es ist die selbe Zeitspanne, heißt es im Zen-Buddhismus. Der Kanadier Leonard Cohen hat sich vor Dezennien für die existenzielle Melancholie entschlossen. Sie ist sein Lebenselixier. Ihr ringt er seit 1967 bedeutsame Songs wie „Almost Like The Blues“ ab. Hier lässt er es sogar sachte grooven wie 1976 bei „Do I Have To Dance All Night“.

3. Sun Ra Arkestra - Love In Outer Space from "Live at the BBC"

Der 90jährige Baritonsaxofonist und Elektronikmusiker Marshall Allen ist der Getreueste aller Getreuen. Jahrzehnte nachdem Sun Ra die Erde Richtung Saturn verlassen hat, pflegt er dessen Backkatalog und schreibt neue Stücke in der bewährten spacigen Facon. Gesungen von der gelernten Opernsängerin Tara Middleton, unterstützt vom kauzigen Knoel Scott, glückte hier ein intergalaktisches Liebeslied ersten Ranges.

4. Magic Numbers - Thought I Wasn´t Ready

Nach vier Jahren Pause hat sich die famose Geschwisterband Magic Numbers endlich wieder zurückgemeldet. Auf diesem vom Northern Soul inspirierten Kleinod greifen die Stoddarts tief in die Honigtöpfe. Geigen, Harmoniegesang und eine Melodie, wie man sie sonst nur in den Sixties findet, prägen diesen wunderschönen Song.

5. Angus & Julia Stone - Other Things

Auf ihrem heuer erschienen, erst dritten Album zeigt dieses australische Geschwisterpaar, dass man hinter musikalischer Hippie-Weichheit auch ein paar Zynismen verstecken kann. In diesem hintersinnigen Song schleichen sich die beiden Softies an Dämon Angst heran. Flugs wird auch er von den ätherischen Gesängen eingelullt. Schöner kann Eskapismus nicht klingen!

 

>> Die Top 5 von Maciej Tadeusz Palucki <<


1. Olympique - No Estate To Remind

Wo soll ich anfangen? Beim famosen Video, einer aufwendig-liebevollen Hommage an (das gute) Hollywood? Oder doch beim Lied selbst, dem erhabenen "No Estate To Remind", Olympiques "Don't Look Back In Anger". "Do you know the roads to Crystal Palace", fragt die Salzburger Rockband Doc Brown aus "Zurück in die Zukunft". Großes Kino, auch das Album ("Crystal Palace").

2. Sia - Chandelier

Vor drei Jahren war die Australierin Sia Furler eine der Stimmen von David Guetta ("Titanium"). In ihrer großen Pop-Hymne 2014 singt sie: "I'm gonna swing from the chandelier" - das hat die Wucht von "Wrecking Ball", die Eleganz von "Rise Like A Phoenix". Fast perfekter Pop. Wer braucht da noch Lady Gaga?

3. Kiesza - Hideaway

"Uh, Ah, Ah, Uh". Parasprache ist King. Im Song "Hideaway" der Kanadierin Kiesza (nicht zu verwechseln mit der Amerikanerin Kesha), wird auch der House-Vibe der 1990er ("Push the Feeling on"!) zelebriert. Catchy.

4. Bilderbuch - Spliff

Wenn Wanda der neue Austropop sind, was sind dann Bilderbuch? Einigen wir uns auf sexy Funk. 2014 war schon ihr Jahr, 2015 - mit neuem Album, Tournee et cetera - wird es umso mehr. Nicht nur alle Kinder werden "Spliff" singen. Sänger Maurice Ernst könnte der populärste Blondschopf seit (dem jungen) Andreas Goldberger werden.

5. Deichkind - Ich habe eine Fahne

"Pack die Tiere auf den Grill, mach die Rasenheizung an, Sklave bau den Tempel auf, Fifa treib das Vieh zusammen, einen Monat Tunnelblick". Deichkinds Song gegen Kommerz und Auswüchse der Fußball-WM, musikalisch eine Antithese zu unsäglichen Stadionhymnen ("Tage wie diese"), polarisierte. So sehr, dass das raffinierte Panini-Pickerl-Video offline ging.

 

>> Die Top 5 von Heide Rampetzreiter <<

1. Wanda - Bologna

Viel ist drin in diesem Song von Marco Michael Wanda und seiner noch jungen Band: Subversive Bildungskritik, saftiger Tabubruch und ganz viel Sex ("Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen, obwohl ich gerne würde, aber ich trau mich nicht"). Ein Ohrwurm zum Mitschreien.

2. Sia - Chandelier

Alkoholismus und Selbsthass als Thema eines Popsongs. Im Video tanzt das damals erst 11-jährige Wunderkind Maddie Ziegler einen Nervenzusammenbruch. Ein Song wie Rausch und Absturz zugleich.

3. Reignwolf - Are You Satisfied?

Vom "Rolling Stone" zu einem der wichtigsten Newcomer 2014 gewählt, lässt sich Jordan Cook mit seinem ersten Album noch Zeit. Reignwolf ist eine "One-Man Blues-Rock Army", das seine Single ist der beste Beweis dafür, außerdem hat es "Are You Satisfied?" in die TV-Serie "The Leftovers" geschafft. Jimi Hendrix wäre stolz.

4. Lorde - Yellow Flicker Beat

Dass die junge Neuseeländerin kein One-Hit-Wonder ist, hat sie 2013 mit dem Album "Pure Heroine" bewiesen. Das sich herrlich steigernde "Yellow Flicker Beat" ist zwar "nur" auf dem Soundtrack zu "Hunger Games – Mockingjay Teil 1", lässt aber auf künftige Großtaten – und Tanzexzesse – hoffen.

5. St. Vincent - I Prefer Your Love

Schleppende Beats, 80-er-Jahre-Sounds, viel Lärm und schöne Melodien. "Zugleich krank und glücklich machend", urteilte der deutsche "Rolling Stone" über das dazugehörige selbstbetitelte Album. Stimmt irgendwie. Mit "I Prefer Your Love" schrieb Annie Clark aber die schönste Liebeserklärung, die sich ihre Mutter wünschen kann, denn die Textzeile geht so weiter: "I Prefer Your Love To Jesus". Amen.

(Red.)

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