„Nach der Hausmusik gleich Jazz“

Saxofonist Harry Sokal tritt am 16. Jänner im Gasometer auf. Der Veteran des Jazz plaudert über staubige Hippie-Jahre, bunte Brillenfassungen und strenge Bandleader.

 Harry Sokal
 Harry Sokal
(c) Harry Sokal Productions

Die Presse: „Harry Sokal Forever!“ lautet die Losung für Ihre Gala am kommenden Freitag in Wien. Ist das eine Drohung?

Harry Sokal: An mich selbst – der Abend wird nämlich eine große Herausforderung für mich. Mit drei meiner Bands schreite ich innerhalb weniger Stunden praktisch sämtliche musikalische Stationen meines Lebens ab.

 

Sie gelten als „musikalisches Chamäleon“.

Man darf sich nicht vorstellen, ich hätte nur mal mit diesem, mal mit jenem kokettiert. Wie die amerikanischen Jazzmusiker habe ich die Stile, die ich spiele, intensiv gelebt.

 

Was war Ihre erste musikalische Liebe?

Nach der Hausmusik kam gleich der Jazz. Peter Wolf hat schräg vis-à-vis von mir gewohnt. Sein Vater war ein honoriger Fabrikant, der sich einen Jazzklub unters Haus bauen ließ. Dort habe ich zum ersten Mal die Band Gypsy Love gesehen, in der auch Karl Ratzer, Kurt Hauenstein und eben Peter Wolf gespielt haben. Ich war deren Wurstsemmelholer, spielte schon ein wenig Klarinette und Saxofon, wurde aber von den Profis belächelt. Zu Recht. Damals konnte ich noch nicht viel. Wolf aber war ein Wunderkind.

Wie erlebten Sie die frühen Siebzigerjahre?

Ich war ein Hippie. Mit 16, 17 Jahren bin ich von zu Hause weggelaufen, lebte in marxistischen Kommunen und spielte viel auf den Straßen. Clubs gab es kaum. Ich ging gerne in den Club Elektronik am Judenplatz, aber auch in die Camera in der Neubaugasse. Dort hab ich sogar die Tschicks vor dem Lokal zusammengekehrt, damit ich als 16-Jähriger reinkam. In der Camera hab ich Harri Stojka und seinen Bruder Jano kennengelernt.

Haben Sie unter diesem Einfluss Ernst gemacht mit der Musik?

Ich habe jedenfalls mehr und mehr geübt. Im Trio mit dem Schlagzeuger Jano Stojka und dem Bassisten Heinz Jäger saß ich nächtelang im Probenkeller und habe die Soli des großen Jazzsaxofonisten John Coltrane analysiert. „Giant Steps“ war die Nummer, bei der es bei mir gezündet hat.

Gab es Sessions irgendwo in der Stadt?

Beim Jazz-Freddy. Aber dort haben sie mich oft rausgeschmissen. Ich hatte einen immensen Drang, konnte aber immer noch zu wenig. Mein Saxofon hatte ich immer mit. Der Johnny Griffin hat mich mal auf die Bühne geholt. Das war super. Da hab ich was gelernt. Aber selbst bei der Jazz-Gitti flog ich raus. Wie ich eines Nachts mit dem Saxofon auf der Straße stand, hat sogar die Funkstreife Mitleid mit mir gehabt und mich nach Hause geführt. Das reichte mir. Ich übte ein Jahr lang täglich zehn bis zwölf Stunden.

1977 gründete Mathias Rüegg das Vienna Art Orchester, dem Sie bald angehörten. Was waren die Qualitäten Rüeggs?

In dieser Formation wurde es nie fad. Zu Beginn stand das Happening im Vordergrund, später komponierte Rüegg immer komplexere Themen. Nicht ohne Grund war ich 30 von den 33 Jahren mit dabei. Es konnte vorkommen, dass ich da an drei Songs vier Monate feilen musste. Rüegg verstand es immer, mich künstlerisch herauszufordern.

Ihr anderer großer Mentor war der amerikanische Flügelhornvirtuose Art Farmer. Wie erinnern Sie sich an ihn?

Ich habe Farmer über den Fritz Pauer kennengelernt. Ich konnte damals kaum einen Standard, war gerade voll auf Funk à la Herbie Hancock. Er bot mir an, mit mir zu üben. Nach einem Jahr durfte ich in seinem Quintett spielen. Mir wird ganz weh, wenn ich an die schönen Jahre mit dieser Formation denke. Nach seinem Tod hab ich eine totale Leere in mir gespürt. Mit meiner Kombo Roots Ahead versuche ich dort weiterzumachen, wo es mit dem Tod von Art Farmer endete.

 

Wollten Sie nie ins Jazz-Land Amerika?

Doch. Ich war dort. Nach einer kleinen Erbschaft sagte ich: „Mama, ich flieg' nach New York und komme nie mehr wieder.“ Nach einem Jahr war ich aber zurück. Man kann dort schon auch viel Schlimmes erleben.

 

Sie haben auch im Austropop Spuren hinterlassen. Leidenschaft oder Finanzielles?

Es hat mir Freude gemacht, auch außerhalb des Jazz zu spielen. Mit Wickerl Adam und der Hallucination Company hab ich früh was gemacht, später für Ambros auf „Es lebe der Zentralfriedhof“ und auch auf Falcos „Einzelhaft“. Ich hab mir rasch einen Namen gemacht. So spielte ich auf über dreihundert österreichischen Pop-Alben mit.

Mit dem Erzherzog-Johann-Jodler haben Sie selbst einen traditionellen Austropop-Hit aufgenommen. Was hat Sie da geritten?

Das war eine Idee des Orglers Raphael Wressnig. Das Stück spiele ich jetzt auch in meinen anderen Projekten, weil es schon so meins geworden ist. Es führt mich zurück zur Hausmusik, die ja meine Anfänge dominiert hat. Ich kann jedenfalls garantieren, dass ich diesen Jodler so stürmisch interpretiere, wie man ihn noch nie gehört hat.

 

Sie sind auch für Ihre ausgefallenen Brillenfassungen bekannt. Leiden Sie unter einem Krankenkassabrillentrauma?

Nicht bewusst. Als mir einmal ein Optiker eine eher dezent gemusterte Fassung verkaufen wollte, lehnte ich erst schroff ab. Dann nahm ich sie doch. Mit der Zeit wurde ich kühner. Diese Brille hier habe ich sogar mitentworfen. Die trage ich, bis sie porös wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2015)

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