Donaufestival-Intendant: „Auch Wikipedia finde ich widerlich“

Intendant Tomas Zierhofer-Kin wählte für heuer das Motto „Fake Reality“. Der „Presse“ erklärte er, was er damit meint, warum Lautstärke nicht an sich subversiv ist – und was das Theater endlich tun sollte.

(c) Donaufestival (Florian Schulte)

Die Presse: „Fake Reality“ – wie kam es zu diesem Motto des heurigen Donaufestivals?

Tomas Zierhofer-Kin: Unser Motto entstand wie stets aus den Produktionen, die zur Debatte standen. Und wie es so geht, waren manche Programme, die diese Überschrift nahelegten, dann aus technischen oder zeitlichen Gründen gar nicht realisierbar. Was mich interessiert hat, war dieser Aspekt des Unwirklichen in unserer heutigen Realität. Wir wollen in einer gewissen Heftigkeit vorführen, dass die Dinge derzeit etwas seltsam laufen.

 

Hegen Sie also einen ethischen Anspruch?

Zierhofer-Kin: Es ist ein ständiger Kampf zwischen den Positionen. Einerseits sagen wir, wir verzichten auf diese ganze Bildungsbürgerlichkeit des Kulturbetriebs und wildern in Bereichen mit subkulturellen und popkulturellen Wurzeln. Andererseits aber haben wir doch einen gewissen bildungsbürgerlichen Anspruch. Mir ist wichtig, dass Fragen zum Leben, zur Gesellschaft und zu unserer Zukunft behandelt werden. Gemäß dem Spruch von Lyotard: „Interessant, dass wir politisch keine Theorien haben, obwohl vieles dem entnommen werden könnte, was man gemeinhin Kunst nennt.“

 

Und wie kann Kunst die Praxis beeinflussen? Eher durch ihre direkte Wirkung auf die Sinne oder doch über den Umweg des Diskurses?

Zierhofer-Kin: Nur keine verstiegenen Diskurse! Wir präferieren Dinge, die die Leute gut verstehen können. Warum hat man da so einen wahnsinnig überdrehten rechten Prediger, der seine Messages mit linken Inhalten aufgeladen hat? Solche Widersprüche sollen zum Nachdenken anregen.

 

Dieser Reverend Billy, der heuer auftritt, richtet sich auch gegen die Informationsflut unserer Zeit. Er sagt, wir seien „overconnected and underexperienced“. Muss sich denn Kunst der Mittel des Jahrmarkts bedienen, um auf sich aufmerksam zu machen?

Zierhofer-Kin: Manche Künstler verzweifeln ob der Schwierigkeit, ihre Anliegen zu kommunizieren. Man weiß nicht genau, wie sich das potenzielle Publikum durch den Datendschungel kämpft, aber zuweilen bekommt ein Künstler auf unerwartete Weise Aufmerksamkeit, die er ohne neue Techniken nicht bekommen hätte. Letztlich muss man aber doch von einer großen Verflachung sprechen. Ich ärgere mich etwa täglich darüber, dass man bei Zeitungen und beim ORF Kommentare posten kann.

 

Ist das keine Form der Teilhabe?

Zierhofer-Kin: Eine sehr zweifelhafte. Es scheint eine Art von Naturgesetz zu sein, dass sich in diesen Foren fast ausschließlich Idioten und Stammtischprolos zu Wort melden. Das Fatale ist, dass wir eine solche Ehrfurcht vor dem gedruckten Wort haben, dass der größte Blödsinn irgendwie Gewicht bekommt, wenn er einmal geschrieben steht. Auch Wikipedia finde ich widerlich. Ich hab mal versucht, einen fehlerhaften Eintrag über mich zu sabotieren. Daraufhin wurde ich gebannt. Wenn jemand über mich Lügengeschichten auf Wikipedia stellt, darf er das, wenn ich selbst eine Lügengeschichte über mich verfasse, werde ich rausgeschmissen. Das ist doch skurril.

 

In früheren Zeit hat sich der Popmusikinteressierte mit viel Bedacht ein Geschmacksprofil angeeignet. Heute scheint in den Köpfen eher das Prinzip der Beliebigkeit vorzuherrschen. Warum ist das so?

Zierhofer-Kin: Vielleicht weil die Verfügbarkeit des Materials eine andere geworden ist. Ein eingeschworenes Publikum findest du nur in der älteren Generation. Sonst gibt es zwei Rezeptionsformen. Die einen wechseln rasant, die anderen hören sich an etwas fest. Ich kenne jemanden, der nichts als Hardcore-Industrial und Stockhausen gehört hat und heute nach Antony süchtig ist und kiloweise Taschentücher verbraucht, wenn er ihn hört. Solchen Brüchen wollen wir entgegenarbeiten, indem wir beim Festival starke Kontraste einbauen. Bei uns gibt es das ganze Spektrum von sehr popaffinen bis zu experimentellen Sachen. Da können die Leute dann nach Herzenslust switchen.


Sonic Youth und die Butthole Surfers sind nun auch schon im reiferen Alter. Mangelt es der Jugend an Subversion?

Zierhofer-KIn: Mit diesen beiden Bands wollte ich etwas historisch Bedeutsames herholen und in einen Kontext stellen, in dem junge Leute auf die Dimension des Historischen im Pop aufmerksam gemacht werden. Es gibt ja kaum noch Radiosendungen, in denen Verbindungslinien aufgezeigt werden. Es bräuchte so etwas wie eine tägliche Musicbox. Die beiden genannten Bands sind wie ein Rolemodel für Subversion. Es wird zu prüfen sein, ob sie das immer noch sind.


Subversion ist im Pop meist mit gröberer Lärmentwicklung verbunden. Muss das so sein?

Zierhofer-Kin: Da gibt es natürlich schon einen Gewöhnungseffekt, deshalb interessieren mich die Noise-Projekte jüngerer Bauart nicht mehr wirklich. Es war nur kurze Zeit spannend, Musik auf die Bühne zu bringen, die so lärmig war, dass sie die Herzen der Hörer rasend gemacht hat. Lautstärke per se hat überhaupt nichts Subversives mehr. Aufladung durch Noise funktioniert heute nicht mehr. Die, die das machen, sind Hängengebliebene.


Neben Popmusik bietet das Donaufestival stets starke Kunstperformances. Fehlt dem heutigen Pop die transformierende Kraft?

Zierhofer-Kin: Das kann natürlich sein. So herum hab ich es eigentlich noch nicht gedacht. Mir ging es eher darum, mehrere Medien zusammenzubringen und zu beweisen, dass Theater noch etwas bewirken kann. Es stört mich ungemein, dass Wien eine so zurückgebliebene Theaterstadt ist. Theater ist mehr als eine Belehranstalt, die irgendwo zwischen Schule und Kirche dahinwackelt. Theater könnte sich endlich neuer Themen annehmen, sich popkulturell aufladen, Feedbackschleifen nutzen und fragen: Wer ist nun Performer, und wer ist Zuseher und Voyeur?


Diese Frage dürfte bei dem Projekt brisant werden, bei dem ein afrikanischer Slum errichtet wird. Ein Menetekel, dass uns Dritte-Welt-Zustände bevorstehen?

Zierhofer-Kin: Dieses Slum-TV-Projekt hegt sehr viele Intentionen. Ein Aspekt ist eine gewisse Vorbereitung auf Zustände, die eintreten könnten, wenn alles zusammenbricht. Aber vor allem geht es da um einen Ausbruch aus der Sozialkitschromantik, mit der Afrika begegnet wird. Interessant ist ja, dass afrikanische Slumbewohner genauso vorurteilsbehaftete Bilder von uns haben wie wir von ihnen. Ich kämpfe ja auch gegen meine Vorurteile. Wenn ich in die U-Bahn einsteige, will ich mich Schwarzen gegenüber immer besonders korrekt und aufgeschlossen verhalten. Das ist ja auch total daneben. Es geht um den selbstverständlichen Umgang miteinander. Manche werden sagen, es sei rassistisch, so eine Menschenausstellung in Baracken zu machen. Aber die Afrikaner werden aktiv Dinge unternehmen, und das wird für manch interessante Dynamik sorgen. Es geht um Emanzipation von diesem Mitleidsbild, das die an den Zuständen Schuldigen wie auch die NGOs in die afrikanischen Länder tragen.


Irrationalismus überall – vom radikalen Islam bis zur Hochfinanz. Ist die Aufklärung an ihrem Ende angelangt?

Zierhofer-Kin: Die derzeit heftigen Tendenzen einer Desäkularisierung deuten darauf hin, dass sich die Menschen nach etwas sehnen, was sie im Materialismus der heutigen Gesellschaft nicht mehr finden können. Dieser ganzen Geschichte mit den Börsen haftet Quasireligiöses an. Dass es in der Wirtschaft mehr um Befindlichkeiten als um Zahlen gehen soll, ist verwirrend. Wo kommen wir denn hin, wenn wir ständig wie Tiere vor dem Gewitter aufschrecken, wenn jemand eine negative Prognose macht?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2009)

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