Bob Dylan: Nicht ohne ein Akkordeon

Sein neues Album „Together Through Life“ ist sehr traditionell und gut gelungen. Bei seinem jüngsten Auftritt in London präsentierte er es trotzdem nicht. Schade, aber egal, den Blues muss man nicht neu erfinden.

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(c) Sony

Eine verbürgte Geschichte: Im Englischunterricht einer Wiener Volksschule wurde unlängst Bob Dylans „Blowin' in the Wind“ gesungen. „Lebt der Mann eigentlich noch?“, fragte ein fürwitziger Schüler. Das wisse sie nicht, antwortete die Lehrerin, aber sie glaube eher: nein. Nun, der Mann, der sich seit 50 Jahren Bob Dylan nennt, lebt nachweislich, und das Abend für Abend auf diversen Bühnen, wo er dann auch das besagte „Blowin' in the Wind“ spielt, und zwar so, dass es die Lehrerin auf Anhieb wohl nicht erkennen würde. Er habe seine Songs nie perfekt aufgenommen, meinte Dylan kürzlich, also habe es keinen Sinn, zu versuchen, sie live genau so wie auf Platte zu spielen.

So zerlegt er auf seiner „Never Ending Tour“ die alten Melodien, gießt sie um in archaische Formen, oft erkennt man nur mehr die Worte. Den praktizierenden Dylan-Fan beglückt das, unbefangene Hörer sind oft bestürzt, wie der Kritiker des britischen „Daily Telegraph“, der von „bizarren Versionen“ schrieb. Bis vor zehn Jahren war das ein Minderheitenprogramm, galt als seltsames Hobby: Spätestens seit „Love and Theft“ (2001) sind Dylans – beileibe nicht seltene – Konzerte stets ausverkauft.

Verzicht auf Originalität

So auch am Sonntag im Londoner „Roundhouse“, einer vergleichsweise kleinen Halle: Bob Dylans Plattenfirma Sony, der bzw. deren Tochter Columbia er (mit einem kurzen Seitensprung) über die Jahre treu geblieben ist, hatte etliche Journalisten zu diesem „Special Event“ gebeten: Dylan würde gewiss sein soeben erschienenes Album „Together Through Life“ vorstellen, hieß es. Doch, als ob er sich partout solchen Erwartungen widersetzen wollte: Bob Dylan spielte 18 Songs, Altes und Neues, wie gewohnt. Aber nichts aus dem neuen Album. Wohl auch, weil „Together Through Life“ von dem „sound of an accordion“ geprägt ist, von dem Dylan, selbst aus dem kalten Minnesota stammend, aber in den amerikanischen Süden – und noch mehr in Mexiko – verliebt, schon in der Gangsterballade „Joey“ (1976) geschwärmt hat. Kein Akkordeon, dann eben auch keine neuen Songs, da ist Dylan werktreu.

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Schade, aber egal. Denn, so schön das neue Album ist in seiner letztlich freundlichen, entspannten Grundstimmung, es ist nicht neu. Es soll auch gar nicht neu sein, sondern alt, uralt: Bob Dylan, der seit einiger Zeit die wunderbare Radiosendung „Theme Time Radio Hour“ betreut, in der er nach Schätzen der amerikanischen Populärkultur gräbt, verzichtet mehr und mehr ganz bewusst auf Originalität, stellt sich in eine lange Tradition, gruppiert alte Sätze, Reime, Motive neu, wie es im Blues schon immer üblich war. Wieso sollte er für das schelmische „My Wife's Home Town“ eine neue Melodie ausdenken, wenn doch Willie Dixons „I Just Want to Make Love to You“ noch gute Dienste tut? Den Blues muss man genauso wenig neu erfinden wie das Rad.

Anders gesagt: Einst wurden Bob Dylans Songs zu Volksliedern, heute sind sie es von Beginn an. Er wäre beinahe im „Mexican War“ getötet worden, singt er in „If You Ever Go to Houston“. Der mexikanische Krieg war 1848. „Some people tell me I got the blood of the land in my voice“, lässt er sich im abendlichen „I Feel a Change Comin' On“ bestätigen: Das heißt wohl auch, dass in seinen Liedern die Lieder Amerikas sind. Eine Anmaßung, die sich Bob Dylan leisten kann.

So ist dieser Mann im besten Sinn zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. „I'm out here a thousand miles from my home, walkin' a road other men have gone down“, sang er einst mit großer Verbeugung vor den Altvorderen in „Song to Woody“, einem der ersten beiden Songs, die von ihm veröffentlicht wurden. „I've been here before“, heißt es nun in „If You Ever Go to Houston“. Ich war schon hier, und wenn nicht ich, dann ein Mann vor mir, vielleicht einer, der damals an der mexikanischen Grenze verletzt wurde. „I'm lost in the crowd“, singt Dylan nachdenklich in „This Dream of You“: Dieses Aufgehen in der Allgemeinheit ist auch eine Vorschau auf den Tod, der auf „Together Through Life“ an allen Ecken lächelt. „The sun is sinking low, I think it's time to go“, heißt es in „Life Is Hard“. „I'm trying to get to heaven before they close the door“, in einem etwas älteren Song von „Time Out of Mind“, den er im Roundhouse in einer in so beunruhigenden wie berührenden Version sang. Ein wütendes Bekenntnis zum Leben.

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Zurück auf die Straße

Denn, wie gesagt, Bob Dylan lebt. Abend für Abend auf der Bühne. Er zerreißt, wenn ihm danach ist, alle Songs unseres Vertrauens, von „Don't Think Twice“ bis „I Don't Believe You“, er grübelt in „Ain't Talkin'“, er höhnt in „Like a Rolling Stone“, als ob er dem armen Mädchen bis heute nicht verzeihen wollte, dass sie ihn einst belächelt hat. Und dann, nach der letzten Zugabe, einem fast schon gemütlichen „Blowin' in the Wind“, stellt er sich noch einmal vors Publikum mit seiner wilden Horde von finster entschlossenen alten Herren, steht da, zuckt mit den Beinen, kratzt sich am Kopf, grinst verlegen. Keine Verbeugung. Zurück auf die Straße.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2009)

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