Ornette Coleman: Der letzte Gründervater des Jazz

Saxofonist Ornette Coleman, der mit seinem Album „Free Jazz“ dem letzten Aufbruch des Jazz den Namen gegeben hat, ist 85-jährig an einem Herzinfarkt gestorben.

Protagonist der letzten Erneuerung des Jazz: Saxofonist Ornette Coleman, geboren 1930 in Fort Worth, Texas, gestorben 2015 in Manhattan.
Protagonist der letzten Erneuerung des Jazz: Saxofonist Ornette Coleman, geboren 1930 in Fort Worth, Texas, gestorben 2015 in Manhattan.
Protagonist der letzten Erneuerung des Jazz: Saxofonist Ornette Coleman, geboren 1930 in Fort Worth, Texas, gestorben 2015 in Manhattan. – (c) REUTERS (STRINGER)

New Orleans Jazz, Chicago Jazz, Swing, Bebop, Cool Jazz, Freejazz. So kann man die Geschichte des Jazz grob in Kapitel gliedern. (Danach kam die ahistorische Postmoderne, die bis heute anhält.) Es ist dies – ähnlich wie die Geschichte der abendländischen E-Musik – auch eine Geschichte einer Befreiung: von Grenzen in Rhythmus, Harmonie, Struktur.

Im letzten Kapitel waren zwei Musiker federführend: John Coltrane, der 1967 auf der Höhe seines Schaffens dem Leberkrebs erlag, und Ornette Coleman, der nun im Alter von 85 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben ist. Beides Saxofonisten, beides Revolutionäre, doch auf völlig verschiedene Weise. Coltranes Aufbruch war rasant und von glühender Spiritualität begleitet: Er sprengte die Fesseln. Coleman klang von Beginn an, als gebe es für ihn keine Fesseln. Als sei die tonale Freiheit für ihn eine Selbstverständlichkeit, als sei sie schon in den frühesten Wurzeln des Jazz vorgegeben gewesen. Der ja wesentlich eine Musik ist, die Freiheit einfordert: die Freiheit der versklavten Afroamerikaner.

So war 1960 der Titel des Albums „Free Jazz“, mit dem der neue Stil – der davor z. B. „New Thing“ genannt wurde – seinen Namen hatte, auch als Imperativ zu verstehen: Free Jazz! Befreit den Jazz! Und zugleich als Feststellung: Jazz ist frei. Er war es diesfalls auf zwei Plattenseiten, in einer „Collective Improvisation“ für zwei Quartette, jedes auf einem der beiden Stereokanäle. Dabei gab es u. a. Eric Dolphy und Freddie Hubbard (der dem Free Jazz fortan eher ausweichen sollte), aber vor allem Charlie Haden und Don Cherry, die Coleman schon davor begleitet hatten, auf Alben, deren Titel perfekt illustrieren, wie man damals an Fortschritt, an Zukunft, an das Morgen glaubte: „Something Else!!!!“ (1958, mit vier Rufzeichen), „Tomorrow Is the Question!“ (1959), „The Shape of Jazz to Come“ (1959), „Change of the Century“ (1959), „This Is Our Music“ (1960).

 

Vorbild auch der „No Wave“

Wer diese Alben heute hört, spürt noch immer den Wind eines Aufbruchs, einen kühlen Wind allerdings, vor allem im Vergleich zu den heißen Stürmen Coltranes. So wurde dieser in der Hippiezeit und bis tief in die Siebzigerjahre höher angesehen, von „Jazzpapst“ Joachim-Ernst Berendt stammt der Vergleich: „Wenn Coltrane dann oben war, stand immer schon Ornette Coleman im zirkusblauen Anzug da und spielte seine schönen Melodien. Aber die Musik, die Coltrane – neben ihm stehend – von der Höhe des Berges blies, war getragen von der hymnischen Kraft des Pilgers.“

Berendt hatte nicht völlig unrecht, doch was er nicht hörte, war die Kraft der Gleichmut mitten im Chaos, die Colemans Musik ausstrahlte. „Ich will nicht der Schlechteste oder Beste sein“, hatte er, der Autodidakt, einmal gesagt: „Ich will einfach nur sein.“ Und das hörte man. Ob man die „Harmolodics“ hörte, von denen Coleman gern sprach, und ob dieses angeblich harmonische System wirklich existierte, darüber kann man bis heute streiten.
Anfang der Achtzigerjahre erlebte Ornette Colemans Werk eine große Renaissance, auch bei Freunden der New Wave des Pop. Die vor allem in New York blühende „No Wave“ war im Wesentlichen Ornette-Coleman-Melodik zu zickigen New-Wave-Rhythmen. Der späte Bilderstürmer John Zorn spielte dann 1989 ein ganzes Album, „Spy vs. Spy“, mit Coleman-Kompositionen ein, deren ohnehin schon gehöriges Tempo er bis zur Raserei beschleunigte, so wie Coleman einst den Bebop beschleunigt hatte.

Coleman selbst war all die Jahre nie untätig gewesen. Den Funk eignete er sich ganz selbstverständlich an, vor allem mit seiner Siebzigerjahre-Band Prime Time. Und immer wieder nahm er, immer schon kein Freund der zur Schau gestellten Virtuosität – auch hier der New Wave verwandt –, neben dem Saxofon auch Geige und Trompete zur Hand und entlockte ihnen, ohne sie zu beherrschen, Stücke seiner typischen Melodien, in denen Klage und Jubel, Schmerz und Freude ineinander übergehen.

Wie auf seiner wohl berühmtesten Komposition, der „Lonely Woman“: Fast überirdisch zart hat er sie bei seinem letzten Österreich-Auftritt, beim Jazzfest Saalfelden 2009, ganz zum Schluss gespielt. Auch wer damals nicht dabei war, weiß jetzt: Mit Ornette Coleman ist ein Großer des Jazz von uns gegangen. Und sein letzter Gründervater.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2015)

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