DJ Hell: DJ ist kein Doktortitel mehr

DJ Hell gastierte im Sog der Promotion für sein neues, superbes Album „Teufelswerk“ im Wiener Flex. Mit der „Presse“ sprach er über CD-Qualität und DJ-Kultur.

Dem Star-DJ will man nahe sein. Ein Dutzend Hobby-Go-go-Tänzerinnen und ein paar weniger elegante Bierflaschenstemmer drängten sich hinter DJ Hell, als dieser im Flex vom lokalen DJ übernahm, der bis dahin bieder Tech House auflegte. Archaische Beats, die direkt aufs vegetative Nervensystem wirken. Ein Sound für Einzeller.

Hell würzte das magere Klangbild mit Latin-, Jazz- und sogar Klassikpartikeln. Dazu bewegte er sich an den Reglern, wie andere Sportauto fahren: sinnlich, konzentriert und mit sichtbarer Lust am Knopferldrücken. Im elektroakustischen Dickicht des Dancefloor stiegen die Fans hektisch von einem Bein aufs andere. Menschen in Echtzeit rhythmisch zu choreografieren, das übernahm bislang der DJ, eine Figur, die je nach Epoche kultisch verehrt oder ein wenig belächelt wurde. Durch die technologische Entwicklung hat der Status des DJs gelitten.

Alles ist verfügbar. Jeder Laie kann mit Gratisprogrammen das DJ-Gefühl simulieren. Hell hat reagiert und das „DJ“ aus seinem Namen genommen. Der Berliner mit dem bayrischen Akzent erklärt es gelassen: „Das ist einfach keine Auszeichnung mehr. Früher war das eine Art Doktortitel. Heute seh' ich mich eher als Künstler, Entertainer, daher finde ich es aussagekräftiger, schlicht als ,Hell' zu agieren.“ Als solcher hat er sein selbst vom britischen „Guardian“ enthusiastisch gefeiertes Opus „Teufelswerk“ ediert, eine Tour d'Horizon durch Ästhetiken der Elektronik, die als Doppelalbum mit einer Day- und einer Night-CD erschien.

 

Illustre Gäste wie Bryan Ferry, P. Diddy

„Day“ wurde ein Ambientalbum, das größtenteils mit Peter Kruder, Christoph Prommer und Roberto Di Gioia entstand. „Night“ versammelt illustre Gäste wie Bryan Ferry und P. Diddy, nicht zuletzt auch Anthony Rother, den deutschen Soundtüftler. Mit ihm hat Hell das erfrischend böllernde „Electronic Germany“ kreiert. Sieht er sich in einer längeren Traditionslinie?

„Auf jeden Fall. Was ich mache, ist eine Weiterentwicklung der ersten elektronischen Experimente in Deutschland, die Gruppen wie Neu, Can und Kraftwerk starteten. Ich wollte nun ein paar Stücke mit deutscher Anmutung machen. Etwas, das ein wenig nach Kraftwerk klingt, aber auch im Club gut ankommt.“ Was geht in der Kindererziehung in Deutschland eigentlich schief, dass es die Jugend statt zum Menschen zur Maschine zieht? Hell schmunzelt: „Ich weiß es auch nicht. In gewissen technischen Bereichen gehörte Deutschland immer schon zur Weltspitze. Das hat auf die deutsche Popkultur ausgestrahlt. Und die hat ihrerseits auf die Szene in Detroit und Chicago gewirkt. Deutsche sind für den Welterfolg des Minimalismus mitverantwortlich.“ Den guten Ruf nützte Hell beim Rekrutieren von Stars. Umstritten ist seine langjährige Zusammenarbeit mit P. Diddy, der aufgrund seines Machismo und seiner Neureichenmanieren als uncool gilt. Hell nimmt es locker: „Ich habe ihn als genialen Geschäftsmann kennengelernt, der genau weiß, wie man Aufmerksamkeit lenkt. Meine Theorie ist, dass er das für die Black Community ist, was Andy Warhol für die Kunstwelt war: der große Manipulator und Showman. Er ist kein simpler Crowdpleaser.“ Und Bryan Ferry? „Ich traf ihn in einem Londoner Studio und spielte ihm meine Sachen vor. Er war freundlich, aber reserviert. Erst als er ein Stück von mir und P. Diddy hörte, taute er auf und stellte mir sein unveröffentlichtes Fragment ,U Can Dance' zur Verfügung. Dass er es mir für meine Platte freigab, ist die bislang größte Auszeichnung für mich.“

Wie reagiert Hell als Labelbetreiber auf die Generation, die keinesfalls gewillt ist, auch nur einen Cent für Musik auszugeben? „Nun, es gibt auch jene, die wieder Vinyl kaufen. Das ist schön, aber ich kämpfe total für die CD. Alle mosern an ihr herum. Dabei ist sie der perfekte Tonträger.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2009)

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