Mark Knopfler: Der Sultan des Swing, eine alte Seele

Pop. Hatte er jemals volles Haupthaar? Jung kann man sich Mark Knopfler gar nicht vorstellen: Auch auf Burg Clam widersetzte er sich jedem Zeitgeist. Und spielte sogar alte drei Dire-Straits-Songs.

(c) EPA (Peter Kollanyi)

Zur Belehrung kam ein Herr in Union-Jack-Gewandung auf die Bühne und kündigte den Star an, der aussieht wie unsereins: Zwischen „Mark“ und „Knopfler“ zwängte er eine kleine Pause, damit wir verstünden, dass man ihn „Nopfler“ ausspricht. Ganz so wie Dylan „Knocking on Heaven's Door“ singt . . .

Gemeinsam haben Knopfler und Dylan im Lauf der Jahrzehnte öfter an die musikalische Himmelstür geklopft. Abseits der gemeinsamen Alben und Tourneen teilen sie auch die Leidenschaft, über die Verheerungskraft der Zeit zu meditieren. Knopfler tut dies auf seinem aktuellen Album „Tracker“ auf durchaus poetische Weise. Die seine Gedanken begleitende Musik ist die seit Jahren bewährte Mischung aus Blues, Folk, Country und keltischen Elementen, dazu kommen zarte Beimischungen aus Jazz und Funk. „Broken Bones“, der Opener auf Burg Clam, der schönsten Naturarena des Landes, elektrisierte mit seiner delikaten Mischung aus schläfrigem Gesang und giftigen Funkriffs. „He had the punch lines, I was the joke, every shot felt like something was broke“, sinnierte Knopfler über das Ausgesetztsein des Menschen diesseits der Ewigkeit. Jung kann man sich ihn gar nicht vorstellen. Schon einst, als er auf der Höhe seines kommerziellen Erfolgs mit den Dire Straits seine beginnende Glatze mit einem Stirnband zu kaschieren versuchte, ahnte man, dass Haarlosigkeit weitaus besser zu seiner alten Seele passt.

 

„We were so young and always broke“

Der bald 66 Jahre alte Knopfler ist ein Meister der Rückblenden. Textlich wie musikalisch. Das jazzige Intro zu „Laughs And Jokes And Drinks And Smokes“ war eine kecke Variation des Dave-Brubeck-Welthits „Take Five“, die Lyrics waren ein sentimentales Zurückschauen auf die eigene Jugend: „We were young, so young and always broke.“ Mit zart raspeliger Stimme durchmaß Knopfler das ebenfalls neue „Skydiver“, eine Künstlerstudie à la Ray Davies mit Akzent auf normensprengendem Verhalten.

So schön er über die Exzesse anderer schreiben kann, Knopfler selbst ist eine Zimmerexistenz. Und ein Vielleser, dem nun der US-Romancier Richard Ford Linernotes fürs neue Album geschrieben hat. Wahrscheinlich ist auch er Fan des zeitlos schönen Debütalbums der Dire Straits, von dem Knopfler „Sultans of Swing“ spielte und sich prompt dabei verhaspelte. Die Perfektionisten in seiner Band zogen da nicht einmal die Braue hoch. Sie konzentrierten sich ganz darauf, Dudelsack und Ziehharmonika zu quetschen, Kontrabass und Orgelmanual zu streicheln.
Richard Ford ließ eine seiner Figuren in „Wildlife“ sagen: „Dein Leben besteht nicht aus dem, was du hast oder was du bekommst. Es besteht aus dem, was du aufzugeben bereit bist.“ Knopfler hat eines zum Glück längst aufgegeben: den Drang, sich als Virtuosen zu beweisen. So steht Feeling im Fokus seiner gitarristischen Bemühungen. In Clam legte er viel Innigkeit in „Privateering“, „Hillfarmer's Blues“ und die patinierten Dire-Straits-Songs „Telegraph Road“ und „Romeo And Juliet“. Die Fans waren begeistert. Auch Multiinstrumentalist Guy Fletcher: In seinem Tourblog postete er das Ortschild „Windpassing – Radarkontrolle“. Seine gewagte Deutung: „Flatulence monitored by radar. Novel idea.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2015)

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