Iggy Pop: Der König der Hunde

Auf seinem neuen Album "Préliminaires" huldigt Iggy Pop dem französischen Schriftsteller und Pessimisten Michel Houellebecq. Mit der "Presse am Sonntag" sprach er über Hunde und Jazz, Nazis und Sex.

Iggy Pop
Iggy Pop
(c) REUTERS (FRED PROUSER)

In Ihren Songs kommen oft Hunde vor: „I Wanna Be Your Dog“, die Zeile „I'm living like a dog“. Nun sind Sie gar „King of the Dogs“. Woher kommt die Liebe zum Hund?

Iggy Pop: Sie haben den Song „Dog Food“ vergessen! Hunde geben halt als Subjekte eines Rocksongs einiges her. Wie Houellebecq ausführt, ist ihr Ego angenehm klein: Es ist leicht, sie zufriedenzustellen. Und das ist gut für einen Songwriter: Der ist froh, wenn er es einmal nicht mit den Abgründen der menschlichen Psyche zu tun hat.

Michel Houellebecq, dessen Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ Sie für Ihr neues Album „Preliminaires“ inspiriert hat, schreibt, dass es das beschränkte Ego des Hundes leicht macht, ihn nicht nur zufriedenzustellen, sondern sogar glücklich zu machen ...

Genau. Ein Hundeleben hat viele Vorteile. Davon erzählt der Song „King of the Dogs“.

Haben Sie als Mensch in Ihrem Leben bewusst Glück angestrebt?

Meine Maxime ist, es zumindest einmal am Tag zu versuchen. Ich brauche immer ein paar Reize aus der Außenwelt, die mich zerstreuen. Eine schöne Frau, einen Strand. Dazu aber positive Gefühle, die aus meiner Arbeit rühren.

Den Song „King of the Dog“ ziert ein schönes Jazz-Arrangement. War das Ihre Idee?

Ja. Ich hörte viel Jelly Roll Morton und eine Platte von Louis Armstrong & His Hot Five. Da ist der Song „King of the Zulus“ drauf. Mein Song lehnt sich an dessen Struktur an, er ist langsamer, hat aber mehr Wucht, andere Akkorde. Davor zeigte man mir eine Filmdoku, in der Houellebecq Portugiesische Wasserhunde auf Filmtauglichkeit prüfte. In einem alten Salon. Das fand ich sehr lustig. So hat man mich geködert, die Musik für diese Doku zu machen.

Kürzlich habe ich einem Ihrer ehemaligen Produzenten, Bill Laswell, erzählt, dass Sie sich jetzt mit Jazz, Chanson und Bossa nova beschäftigen. Er zeigte sich total begeistert.

Jaja. Bill war stets enttäuscht, wenn ich wieder einmal ein Album mit „Rock Shit“ veröffentlichte ...

2008 haben Sie den grimmigen Song „Furies“ für ein Album von Bill Laswell aufgenommen. Wie lief denn das ab?

Leider so unpersönlich wie so vieles im Musikbiz dieser Tage. Du kriegst einen Track zugeschickt, hast keinerlei Anweisungen, singst einfach, wie du glaubst, dass es richtig ist. Das Gute an Laswells Tracks ist, dass sie perfekt sind. Aber es war eine einsame Erfahrung.

Sie haben auch ein Duett mit der Chansonnière Françoise Hardy gesungen, in die sich schon Bob Dylan und Nick Drake verliebt haben. Haben Sie die auch nie getroffen?

Doch. Für „I'll Be Seeing You“ waren wir gemeinsam im Studio. Aber Françoise ist als Sängerin extrem scheu. Als sie ihren Part sang, war ich zwar im Studio, bekam sie aber nicht singend vor Augen, weil sie die Techniker angewiesen hatte, eine Riesenschachtel um sie herum zu bauen. Erst dann traute sie sich den Mund zu öffnen. Außerhalb des Studios ist sie eine sehr nette Lady. Sie briet mir vor der Session ein saftiges Chateaubriand in ihrem Zuhause.

Wie war es, in „Les feuilles mortes“ französisch zu singen?

Ich habe die amerikanische Version davon, „Autumn Leaves“, immer geliebt. Und der Song passt total zu Houellebecq. Aber die Filmemacher kamen drauf, dass ihnen die Rechte dafür zu teuer kommen. So schlugen sie vor, das französische Original zu nehmen, das ja textlich viel besser ist als die etwas vage Übersetzung. Im Original geht es ganz direkt um das Gefühl hoffnungsloser Liebe. Um die Betonung hinzukriegen, hielt ich mich strikt an die Interpretation von Yves Montand. Ich arbeitete mich im Studio Zeile für Zeile vor.

Früher war's noch schwerer. Nat King Cole musste einmal sogar japanisch singen!

Echt? Wunderbar! Er hatte immer eine äußerste Sanftheit im Gesang. Im Vergleich zu ihm bin ich ja mit einem blauen Auge davongekommen: Japanisch muss ich nicht auch noch singen.

Was hat Ihnen denn an Houellebecqs Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ gefallen?

Erstens ist er sehr gut geschrieben und entzieht sich nicht der Wahrheit. Zweitens kann ich mich gut mit dem Helden identifizieren. Er ist ein Entertainer wie ich, zehn Jahre jünger, aber mit ähnlichen Erfahrungen. Auch ich kenne die Flughäfen, die Partys, die Chicks, die Showbiz-Tricks. Ich habe sogar beinah den gleichen Geldbetrag auf der Bank wie er. Viele fragen mich: Teilst du Houellebecqs soziale Ansichten? Ich erwidere: Willst du eine ehrliche Antwort? Verdammt noch mal, ja! Er sagt im Mantel einer ansprechenden Science-Fiction-Story die Wahrheit.

Houellebecq schreibt: Wenn im Alter die Sexualität schwindet, wird der Körper des anderen zu einer Art Feind. Was halten Sie davon?

Ich schrieb 1973 einen Song namens „Death Trip“, der hatte dies zum Thema. Da hieß es etwa „Honey come and be my enemy, so I can love you true“.

Auf dem neuen Album interpretieren Sie Antonio Carlos Jobims „How Insensitive“. Für viele Rockfans ist der Bossa nova der Inbegriff eines bürgerlichen Genres. Wollten Sie Ihre Stammklientel provozieren?

Ich glaube gar nicht, dass Jobims Musik für Arbeiter Bullshit sein muss. Die sind nicht so dogmatisch! „How Insensitive“ ist ein kunstvoll komponierter, schöner Song, der eine grausame Wahrheit erzählt, die jedem von uns passieren kann. Bei Houellebecq gibt es eine Stelle, wo das Girl zu ihm sagt: „Hör zu, ich hab keinen Bedarf mehr für dich ...“ Sie will gar nicht böse sein, sie sagt nur, wie die Dinge stehen, und das löst seine Selbstmordabsicht aus. Dazu passt „How Insensitive“ perfekt.

In den neuen Lieder kommt der Tod relativ häufig vor. Haben Sie Angst vor ihm?

Da trafen meine Interessen mit denen des Protagonisten aufs Glücklichste zusammen. Das Buch handelt im Grunde vom Tod und den allzu menschlichen Manövern, sich ihm zu entziehen.

An einer anderen interessanten Stelle seines Romans vergleicht Houellebecq die Kriterien der körperlichen Liebe – Jugend, Schönheit und Stärke – mit den Idealen der Nazis. Sehen Sie hier auch Parallelen?

Den Vergleich finde ich nicht schlecht. Aber ich muss vorsichtig sein, was ich sage, man kann da leicht missinterpretiert werden.

Steven Lee Beebers erzählt in seinem Buch über die jüdischen Wurzeln des Punk, dass Sie in jungen Jahren mit Militaria und Nazi-Klimbim reiche jüdische Mädchen aufrissen.

Also das ist sicher ein Märchen! Mein Gitarrist bei den Stooges sammelte allerdings Militaria, darunter Wehrmachtsabzeichen und Naziembleme. Ich selbst hatte damit nie etwas am Hut. Es gibt Fotos aus einem Theaterstück namens „Der Mörder der Jungfrau“, in dem wir beide mitspielten. Er verkörperte ein Braunhemd, würgte und schlug mich ...

In Jazz und Blues traut man Künstlern auch mit 60 und 70 noch Großes zu. Popmusik ist dagegen sehr jugendfixiert. Wie geht es Ihnen damit, im Pop älter zu werden?

Es läuft alles so gut bei mir, ich kann mein Glück gar nicht fassen. Meine Arbeit macht mir mehr Freude als früher. Und materiell habe ich alles, was ich mir als 25-Jähriger gewünscht habe. So denke ich kaum ans Alter.

Sie lachen so viel. Was hat Sie in letzter Zeit am meisten amüsiert?

Wie immer die Momente, in denen ich an Sex denke. Sex ist einfach mein Lebensthema. Ich praktiziere permanent.

Das wird die älteren Leser beruhigen.

Hoffentlich haben Sie auch Leserinnen...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2009)

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