Mark Murphy, ein großer Unzeitgemäßer des Jazzgesangs

Mark Murphy, US-Gesangsstilist mit Verbindungen zu Österreich, starb 83-jährig in den USA.

Mark Murphy
Mark Murphy
(c) Wikipedia

„He's my equal!“ – mit diesem Befund adelte ihn Ella Fitzgerald schon früh. Mark Murphy, 1932 in Syracuse, New York, geboren, probierte sich mit nur 22 Jahren als Mime und Sänger im unerbittlichen New York. Sein erstes Album, „Meet Mark Murphy“, nahm er 1956 auf. Das klang noch recht brav. Wirklich großen Eindruck machte er 1961 mit „Rah!“: Da hatte er schon sein ganz eigenes Profil im Bereich des Vocalese entwickelt, einer Gesangsform, bei der die Stimme instrumentales Spiel nachbildet.

Später geriet seine Karriere ins Stocken. Kein Wunder, war er doch immer ein Unzeitgemäßer. In der Hochblüte der Hippie-Ära beschäftigte er sich mit der gefährlichen Literatur der Beatniks: Glänzende Hommagen an Jack Kerouac geben Zeugnis davon. Murphy zog nach England, nahm in Deutschland seine vielleicht schönste Platte „Midnight Mood“ auf, die die sublimen Freuden des Alleinseins feierte. In den Siebzigern fand er mit Muse ein Label, das seine künstlerischen Volten zwischen Ballade, Beatpoetry, Brasil und Vocalese gern mitmachte. Mit Werken wie „Mark Murphy Sings“ schrieb er Jazzgeschichte, schon indem er berühmte Instrumentals wie „Stolen Moments“ mit existenziellen Texten versah.

Murphys Leben und Kunst waren von teils bizarren Rückschlägen, etwa einer späten Crack-Abhängigkeit, geprägt. Eine Professur an der Jazz-Uni Graz federte solche Pleiten ab. Und ein österreichisches Label – Werner Geiers Uptight – bescherte ihm 1997 mit „Songs For The Geese“ ein Comeback auch in den USA. Den Grammy verpasste er knapp. Doch in seinen letzten Jahren kam es noch zu schönen musikalischen Begegnungen, so mit dem deutschen Trompeter Till Brönner.

Albert Camus' Diktum, dass man von der größten Hoffnungslosigkeit nicht erlöst werden dürfe, weil sie selbst die Hoffnung ist, hätte Murphy eintätowiert haben können. Tapfer erforschte er noch die abseitigsten Orte menschlicher Existenz. Das war der Treibstoff seiner Kunst. Farewell, alter Freund! [ Universal] (sam)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2015)

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