Faith No More: Wiedergänger mit Krückstock

In Zeiten, in denen dem schrumpfenden Tonträgermarkt ein florierendes Konzertgeschäft gegenübersteht, häufen sich Reunionen alter Helden. Faith No More begeisterten bei Nova Rock.

Faith No More
Faith No More
(c) APA (Herbert P. Oczeret)

In Zeiten, in denen dem schrumpfenden Tonträgermarkt ein florierendes Konzertgeschäft gegenübersteht, häufen sich Reunionen alter Helden. Vor allem in der Festivalzeit. Beim Nova Rock, das in den letzten Jahren Comebacks der Smashing Pumkins, Sex Pistols und Rage Against the Machine erlebte, gastierten am Freitagabend die wohl heißesten Wiedergänger der Saison: Faith No More. Die 1998 aufgelöste Band kommentiert dies mit einem bizarren Auftakt: Sänger Mike Patton humpelt wie ein Greis, auf einen weißen Stock gestützt, auf die Bühne. In einen roten Anzug gehüllt, ganz langsam. Und stimmt eine betont schmalzige Coverversion des alten Soul-Stückes „Reunited“ von Peaches & Herb an. „I was a fool to ever leave your side“, haucht er, der jahrelang betonte, das Kapitel Faith No More sei für ihn für immer abgeschlossen, zart ins Mikro. Und hebt die Stimme für den Refrain: „Reunited and it feels so good.“ Applaus und Grinsen im Publikum.

Und es fühlt sich tatsächlich gut an, Faith No More wieder auf der Bühne zu sehen. Auch wegen ihrer Unberechenbarkeit und Selbstironie, etwas, das vielen Acts im harten Fach und hier beim Nova Rock fremd ist. Aber nicht nur. Ihre einst stilprägende Mischung aus Metal, Funk, Rap und Pop hat nur wenig Staub angesetzt. Die Energie ist immer noch da, vor allem bei Patton. Schon beim zweiten Stück „The Real Thing“ fliegt der Stock, er wütet über die Bühne, schreit, bellt, kreischt. Die Menge tobt. Patton, der sich seit dem Split der Band als musikalischer Grenzgänger quer durch alle Genres betätigte und etwa mit Björk arbeitete, ist der große Entertainer des Abends. In einem Moment croont er, schnippt lässig mit den Fingern, im nächsten greift er zum Megafon, legt den Kopf zurück und stößt ein diabolisches Lachen in die weite Ebene um Nickelsdorf. Und erntet abermals viele Grinser, als er „Chinese Arithmetic“ ein paar Takte von Lady Gagas „Pokerface“ voranstellt.


Schwerer Abschied. Höhepunkte waren die euphorisch gefeierten Hits „Epic“ und „Midlife Crisis“. Ihr Commodores-Cover „Easy“ fehlte genauso wenig wie „Be Aggressive“. Dennoch geriet der Auftritt zu keinem berechenbaren Greatest-Hits-Programm. Dafür sorgten immer wieder wilde Freak-outs zwischendurch. Ein schönes Wiedersehen. Von Trent Reznor und seinen Nine Inch Nails, die im Anschluss die Rote Bühne erklommen, während auf der anderen Seite des Geländes die Maskenträger Slipknot wüteten, hieß es dagegen Abschied nehmen. Das fiel gar nicht so leicht. Reznor wirkte besonders motiviert und getrieben, als wollte er sich auf seiner letzten Tour für die beinahe kultische Verehrung, die er und sein Industrial Rock bei Fans genießen, bedanken. Und, ja, dieses gefährliche Rasen seiner besten Stücke wird man vermissen. Ein Stromausfall mitten in „Head Like a hole“ beendete den starken Auftritt vorzeitig. Leider.

Auch die unbestrittenen Headliner Metallica hatten mit Widrigkeiten zu kämpfen: mit dem später als prognostiziert einsetzenden strömenden Regen, der viele der über 50.000 Besucher vom Gelände trieb. „Hat euch der Regen ruhig gemacht?“, fragte Sänger James Hetfield beinahe besorgt. Und mühte sich mit der Präzisionsmaschine namens Metallica, den Verbliebenen mit Hits einzuheizen, Feuerwerfer und Feuerwerk inklusive. Den Umständen entsprechend: ein Teilerfolg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2009)

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