Maki Asakawa: Eine Stimme, die süchtig macht

Maki Asakawa wird fünf Jahre nach ihrem Tod vom Westen entdeckt. Diese Ikone der japanischen Gegenkultur war ins Moll ähnlich verliebt wie Billie Holiday und Juliette Gréco.

Einmal ohne Zigarette. Schwarz-Weiß-Porträt aus Maki Asakawas jüngeren Jahren.
Einmal ohne Zigarette. Schwarz-Weiß-Porträt aus Maki Asakawas jüngeren Jahren.
Einmal ohne Zigarette. Schwarz-Weiß-Porträt aus Maki Asakawas jüngeren Jahren. – (c) Hitoshi Jin Tamura

Es existieren wenige Bilder von ihr, die sie ohne Zigarette zeigen. Der Hintergrund ihrer Portraitfotos war zumeist in striktem Schwarz gehalten, ihre Kleidung sowieso. Schwebt dann auch noch der dunkle Klang ihrer stets melancholischen Lieder ans Ohr, dann glaubt der Musikfreund aus dem Westen, dass nun Zeit für einen Vergleich mit der französischen Chansonnière Juliette Gréco wäre. Allein, das greift zu kurz, wenn man die Tiefe der in Japan kultisch verehrten Sängerin Maki Asakawa erfassen will.

Die Liebe zum Verschatteten, die die 1941 in der kleinen Hafenstadt Mikawamachi geborene Musikerin pflegte, hat viel ältere kulturelle Wurzeln. Schon das Cover ihrer ersten Langspielplatte zeigt, wie sehr sie visuell in der heute oft verdrängten ostasiatischen Tradition stand. Der Schriftsteller Tanizaki Jun'ichiro hat in seinem berühmten, 1933 erstmals erschienenen Essay „Lob des Schattens“, einem archaischen Schönheitsideal ein Denkmal gesetzt. Vor der Erfindung der Neonlichtreklamen suchte man in Japan die Schönheit nämlich in Dunkelheit und Schatten. Für das, was uns als abgegriffen und hässlich gilt, etwa speckige Buchumschläge oder mattes Silbergeschirr, hat Tanizaki in seiner Schrift die Bezeichnung „Shutaku“ („Handglanz“) etabliert.

Erste Veröffentlichung im Westen

Maki Asakawas Faible für grobkörnige, abgenützt wirkende Bildsprache folgte auch das kleine Londoner Label Honest Jon's, mit seiner schlicht „Maki Asakawa“ betitelten Kompilation. Es ist die erste Veröffentlichung dieser Ikone der japanischen Gegenkultur im Westen. Was höchst seltsam ist, wurzelt doch ihr gesamtes musikalisches Schaffen tief im afroamerikanischen Gospel, Blues und Jazz, zuweilen auch im Folk und Chanson. Die nun vorliegende Anthologie sollte Asakawas Bekanntheitsgrad erheblich verbessern. Kompilator Howard Williams fokussierte liebevoll die frühen Jahre. Das Opus hebt mit dem spartanischen „Nemoru No Ga Kowai“ an. Einzig Bambusflöte, Bass und Klavier ornamentieren hier ihren geheimnisvollen Gesang. Er wirkt sirenenhaft lockend, aber auch seltsam narkotisierend. Die wenigen flotten Stücke des Albums, etwa „Chiccana Toki Kara“, verwöhnen mit eleganten Breakbeats und gleißenden Bläsersätzen à la Blood, Sweat & Tears. Asakawa schafft es, selbst die in Melancholie zu tränken. Obwohl es mit Enka auch in Japan ein Genre gibt, das sich mit den bitteren Aspekten des Lebens auseinandersetzt, waren es amerikanische Sängerinnen wie Billie Holiday, Odetta und Nina Simone, die ihren samtigrauen Gesang prägten.

Nicht auf der sonst so geglückten Kompilation enthalten sind Asakawas intensive Lesarten von deren Liedern. Etwa „Sometimes I Feel Like a Motherless Child“, „House of the Rising Sun“ oder Billie Holidays „Strange Fruit“. In ihren eigenen Kompositionen zog es Asakawa verlässlich Richtung Verhängnis. „We broke into the room of the woman we loved, suddenly someone pulled out a jacknife – and a red rose flowered on her breast“, heißt es in „Kamome“ unheilvoll wie in einem Nick-Cave-Song. Ebenfalls ins Zwielicht der Halbwelt führt „Zenkamono No Christmas“. Zu einer kindlich naiven Melodie wird hier die labile Gemütslage eines Haftentlassenen zur Weihnachtszeit ausgelotet. Selbst in solch verlotterten Szenarien geht von ihrer süchtig machenden Stimme etwas Verführerisches aus. Von ihr würde man sich wohl jedes Idyll vergiften lassen. Ihre reichlich späte Entdeckung durch den Westen erlebte Asakawa nicht mehr. Sie starb 2010 unter mysteriösen Umständen in einem Hotelzimmer in der Stadt Nagoya. Für eine Tragödin ihrer Klasse war es ein fast idealer Abschied von einer Welt, in der sie sich stets fremd fühlte. „Befindet sich nicht eher der auf der Flucht, welcher der Welt nicht enflieht?“, fragte schon im 12. Jahrhundert der Mönch Saigyo. Die geheimnisvolle Maki Asakawa hätte das wohl bejaht.


[LRVQU]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2015)

Kommentar zu Artikel:

Maki Asakawa: Eine Stimme, die süchtig macht

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen