Nachruf: Lemmy, das letzte Rocker-Ass, ist tot

Der Sänger der britischen Rock'n'Roll-Band Motörhead ist im 41. Jahr der Bandgeschichte überraschend gestorben. Sein Ableben mit 70 hatte er 2003 in einem Interview prophezeit.

Lemmy Kilmister Motörhead
Lemmy Kilmister Motörhead
(c) Imago Stock & People

Wen kann man im Zirkus der Rock-Legenden, der ohnehin längst eine Persiflage seiner selbst geworden ist, noch als letzten lebenden „echten Rocker“ mit allen damit verbundenen Stereotypen bezeichnen? (Keith Richards, 72, ausgenommen, der ist ein medizinisches Wunder.) Als Inbegriff des rauen, unangepassten und ikonografischen Musikers (Backenbart, Fibrome, Whiskeyflasche, Zigarette, Cowboyhut!) gilt der Brite Lemmy Kilmister, Sänger und Bassist von Motörhead. Er galt: Am Montag starb er in Los Angeles nach kurzer schwerer Krankheit. Kilmister habe erst am 26. Dezember erfahren, dass er an einem „äußerst aggressiven Krebs“ leidet, hieß es in einem Statement auf der Facebook-Seite der Band. Zwei Tage zuvor, am 24. Dezember, hatte er noch seinen 70er gefeiert.

Der Whiskey, sein „Sanitäter“

Ausgelassen hatte er Zeit seines Lebens nichts; aus seinem exzessiven Alkohol- und Drogenkonsum (seine Autobiografie heißt nicht zufällig: „White Line Fever“) nie einen Hehl gemacht. 2013 wurde sein Krankheitsbild publik: Herzrhythmusstörungen und Diabetes. Er bekam einen Herzschrittmacher. Dennoch spielte er ab 2014 wieder Konzerte. Dem „Guardian“ erzählte er vergangenen August, er sei „noch immer unzerstörbar“. Und er kündigte an, seinem lebenslangen „Sanitäter“, dem Whiskey abzuschwören. Angeblich trank er eine Flasche davon täglich, gemischt mit Cola. Ab nun wollte er nur mehr Wodka trinken – „aus gesundheitlichen Gründen“.

Dank solcher Aussagen war Kilmister ein beliebter Interviewpartner. Manche seiner Sager waren lapidar („Der Sommer von 1971 war großartig. Ich kann mich nicht daran erinnern, aber ich werd ihn nie vergessen.“), andere essenziell („Wenn du denkst, dass du zu alt bist für Rock'n'Roll, dann bist du es“.)

Finally killed by Death: Sprüche und Aphorismen von Lemmy Kilmister

Seine Obsession für Nazi-Devotionalien und seine Begeisterung für Militärgeschichte und Weltkriege, die etwa in Songs wie „Bomber“ und „1916“ einfloss, brachte ihm den Ruf ein, er teile rechtes Gedankengut. Wovon er sich deutlich distanzierte: „Ich sammle nur den Kram, nicht die Überzeugungen dahinter“. Er war wie seine Musik, ein geradliniger, ehrlicher Typus, aber kein Intellektueller. Warum er Immanuel Kant sein Lieblings-Philosoph war, erklärte der Agnostiker so: „Wir sind verantwortlich für uns selbst. In England mögen wir Kant, allein schon wegen seines Nachnamens“. Sexwitzchen, „cunt“ bezeichnet im Vulgärenglischen das weibliche Geschlechtsteil – auch das war typisch Lemmy.

Motörhead: Rhythm & Blues auf Speed

Geboren wurde er 1945 als Ian Fraser Willis in Stoke-on-Trent, benannte sich erst später in Kilmister um. Erste Bekanntheit erlangte er ab 1972 als Mitglied der Psychedelic-Combo Hawkwind, doch drei Jahre später wurde er aus der Band geworfen, weil er wegen Drogenbesitzes ins Gefängnis musste. Im selben Jahr gründete er aus Rache die Band Motörhead. Für den Namen wählte er den Titel seines letzten Hawkwind-Songs. Motörheads Musik solle „schnell und wild“ sein. Rhythm & Blues auf Speed.

Und das war es in den meisten Fällen – vom Anfang bis zum letzten Studioalbum „Bad Magic“ (2015), auf dem sich auch ein Cover des Stones-Klassikers „Sympathy for the devil“ fand. In 40 Jahren veröffentlichten Motörhead über 20 Alben, das vielleicht wichtigste war „Ace of Spades“ (Das Glücksspiel war neben Krieg, Sex und Rausch ein zentrales Thema; das Pik-Ass wurde Symbol der Band). Das Live-Album „No sleep 'til Hammersmith“ (1981) schaffte es auf Platz eins der Charts. 1987 steuerten Motörhead für eine Filmsatire sechs Nummern, darunter den sozialkritischen Titel-Song „Eat the Rich“, bei, Kilmister spielte eine Nebenrolle.

Motörhead ohne Lemmy wie Queen ohne Freddie

Wer sich eine Motörhead-Platte kaufte, bekam wirklich immer Motörhead. Von Trends ließen sich die Briten nicht beeinflussen. Innovativität war kein Trumpf, dafür Kontinuität und hohe Lautstärke: „We are Motörhead and we play Rock'n'Roll“. Mit diesen Worten begrüßte Kilmister die Besucher bei jedem Konzert, ehe diese für die kommende(n) Stunde(n) in einem Dezibel-Tornado gefangen waren. Motörhead („Everything louder than everyone else!“) gehörten neben Sunn O, Mogwai und My Bloody Valentine bis zuletzt zu den lautesten Live-Bands. Dies soll auch weiter die Maxime für ihre Anhänger bleiben: „Spielt Motörhead laut, spielt Hawkwind laut, spielt Lemmys Musik laut“, so der Appell der Band. Wenn wir schon beim Wünschen sind: Bitte lasst keinen anderen Sänger an das Mikrofon! Lemmy war für Motörhead, was Freddie Mercury für Queen war.

Für viele Fans kam Lemmys Tod überraschend. Gespenstisch mutet nun eines seiner Zitate aus dem Jahr 2003 an: „Ich spiele, bis ich siebzig bin. Dann falle ich tot von der Bühne“.

Im Februar wären Motörhead für zwei Auftritte nach Österreich gekommen. Die Konzerte wurden abgesagt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2015)

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