Aretha Franklin: Himmelfahrt mit der Queen of Soul

Die 67-jährige Soullegende begeisterte in der New Yorker Radio City Music Hall. Franklin leidet an Flugangst und verweigert listig alle Übersee-Engagements.

Aretha Franklin
Aretha Franklin
(c) REUTERS (BRENDAN MCDERMID)

„Extending her pinkie, she took small, ladylike bites. In contrast, I had more of a common grip“, erinnert sich die große Sängerin Aretha Franklin in ihrer Biografie „From These Roots“ an den Abend, als ihr Vorbild, Gospelkönigin Clara Ward, ihr beizubringen versuchte, wie man als Dame ein Hühnerhaxerl zu essen hat. Wie seit Langem an der üppigen Figur der „Queen of Soul“ abzulesen ist, hat sie diese Lektion ausgelassen.

Den kleinen Finger abspreizen – das tut Franklin nur musikalisch. Da legt sie den irdischen Drall zum Adipösen ab, schwebt mühelos in feinste Verästelungen subtiler Interpretationskunst. Um das wenigstens einmal im Leben zu sehen, reisten Fans aus aller Welt nach New York: Franklin leidet an Flugangst und verweigert listig alle Übersee-Engagements. Getragen von schwelgerischen Sounds – 28 Musiker unter Leitung des alten Fuchses H. B. Barnum, der auch für Frank Sinatra und Lou Rawls arrangierte –, eröffnete sie den Galaabend mit einer fauchenden Version von „Respect“. Otis Redding, Komponist des rasanten Soulevergreens, kommentierte Arethas Version einst: „That girl took it away from me.“ Seinem Urteil schloss sich das Publikum auch 2009 an. Das Konzert startete praktisch mit Standing Ovations für die in elegantem Schwarz über die Bühne wandelnde 67-jährige. Nach dieser ersten Granate begann die von den Connaisseuren herbeigefieberte Balladensektion. Mit vibrierendem, ständig einer Ekstase zustrebendem Organ begab sich Franklin in das sublime „Sparkle“, ein Juwel aus der Feder des 1999 verstorbenen Curtis Mayfield. Von ihm schwärmte Franklin als „Bach des Soul“, ehe sie sich vollends den Wonnen der fragilen Melodie hingab.

 

Lauterkeit, auch wo es um Erotik ging

Es folgten ein jubilierendes „Baby, I Love You“ und das geheimnisvolle, schimmernde „Until the Real Thing Comes Along“. Franklins charismatische Stimme hat über all die Jahre hat nichts an Magie eingebüßt. Kein Thema, dass es mancherorts vielleicht an der einst überbordenden Energie fehlte: Die Fans freuten sich lieber über die kaum noch steigerungsfähige Subtilität einer profunden Performance, wo selbst Soulsongs in Gospelarpeggios endeten und nichts als Lauterkeit abstrahlten. Auch wo es um Erotik ging. „Give me some funky guitar licks and a glass of water“, forderte Franklin: „When there is a man, I'll take him too!“ Und schon erklang das sanft wogende „Daydreamin'“, in dem die 18-fache Grammy-Gewinnerin zu einer fast jugendlichen Weichheit fand. In „Call Me“ blühte sie, die Vision einer Liebe vor Augen, wie ein Stück Frühlingswiese auf. Jäh groovy wurde es, als Franklin mit „Think“ ihren durch den „Blues Brothers“-Film aufgewärmten Sixties-Hit zelebrierte.

Die zweite Hälfte schlug den Bogen von Musical über Soul hin zum Gospel. Andrew Lloyd Webbers Schmachtfetzerl „As If We Never Said Goodbye“ durchströmte ein ungeahnter Wind der Erkenntnis, als Franklin eingedenk ihres Präsidenten proklamierte: „Barack! You're teaching the world a new way to dream.“ Höhepunkte des zweiten Teils: „Angel“, von Arethas Schwester Carolyn komponiert, und Ahmet Erteguns „Don't Play That Song“. Für den etwas eigenwilligen Mix des Four-Tops-Klassikers „Still Water“ mit Simon & Garfunkels „Bridge over Troubled Water“ setzte sich Franklin gar ans Klavier. Dann katapultierte ein großes Gospelfinale alle himmelwärts. „One Night with the King“ reinigte Geist und Herz auch der letzten Zweifler, auf zuversichtlichen Grooves polterte die Frohbotschaft: „All you got to do is try God today!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2009)

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