Al Jarreau: Ewiger Luftikus, der mit den Silben spielte

Al Jarreau, siebenfacher Grammygewinner, Scat-Genie und ein Sänger, der elegant zwischen Jazz, R&B und Pop balancierte, starb 76-jährig an Erschöpfung.

Al Jarreau ist tot
Al Jarreau ist tot
Al Jarreau ist tot – (c) APA Herbert Pfarrhofer

Vor aller Hoffnung, dass die Lieder, die er sang, gefielen, stand der feste Wille, dass ihm die Sache auch selbst Freude bereitete. „Da ist eine Verschränkung von Egoismus und Altruismus am Werk...“ dachte er in einem seiner zahlreichen Interviews mit der „Presse“ über die grundsätzlichen Bedingungen seiner hohen Vokalkunst nach. Es war nicht viel Risiko sich Al Jarrau an drei Abenden hintereinander live anzuhören.

Nicht nur, dass er die Genres Jazz, R&B und Pop vital durcheinander mischte, neckte er sein Publikum gerne mit interaktiven Spielchen. Nie hatte man den Eindruck, dass dieser Mann erwachsen werden wollte. Und doch verdeckte dieser Hang zur Schalkhaftigkeit den tieferen, melancholischen Wesenskern dieses in jungen Jahren beinah zu artistischen Sängers, der 1940 als Alwyn Lopez Jarreau in bescheidene Verhältnisse in Milwaukee geboren wurde. Er studiert zunächst Psychologie und war als Sozialarbeiter tätig.

Seine Musik machte er zunächst nur in der Freizeit. Während seiner Dienstzeit bei der Armee in San Francisco spielte er allabendlich in einem Club mit einem Trio, das vom damals völlig unbekannten Pianisten George Duke geleitet wurde. Mit dem Saxofonisten J.R. Monterose lernte er scatten. 1969 beschloß er Berufsmusiker zu werden. Mit den beiden meisterhaften Alben „We Got By“ und „Glow“ legte er das Fundament seiner Weltkarriere, die 1977 mit einer Liveversion von Dave Brubecks „Take Five“ so richtig anhob. Jarreau sammelte Grammys und Platin- und Goldplatten wie kein anderer Jazzsänger vor ihm. Mit seiner Vokalartistik verwandelt er nicht selten mausgraue Jazzklassiker in magisch glitzernde Zirkusnummern. Jarreau bog die Silben sanft aber unerbittlich. Er hat dem von seinem Freund und Mentor Jon Hendricks ursprünglich entwickelten Stil des Vocalese eine neue Dimension erobert.

Gefühlsintensität nahm zu

Jarreau praktizierte die Umwertung aller phonetischen Werte und liebte es zudem Musikinstrumente nachzuahmen. Mit derlei Volten trat er lustvoll in Konkurrenz mit den auf der Bühne mit ihm stehenden Instrumentalisten. Al-Jarreau-Konzerte hatten lange Zeit etwas von Rummelplatzatmosphäre. Da war jede Sekunde was los. Das konnten spektakuläre oder auch ganz kleine Sounds sein, mit denen er charmierte.

Im letzten Jahrzehnt ließ die technische Bravour infolge seiner nachlassenden Gesundheit etwas nach. Dafür stieg die Gefühlsintensität seiner Konzerte. Nie zuvor hat er derart soulful gesungen wie in den Nullerjahren. Und er schaffte es noch einmal, wie einst in den Siebzigern mit „Boogie Down“, auf die Tanzflächen der Jugend. Die gemeinsam mit dem im Vorjahr verstorbenen Rapper Phife Dawg (A Tribe Called Quest) veröffentlichte Maxi „In My Music“ verband Hiphop und Soul auf ideale Weise. Auch Jarreaus späte Alben waren erfolgreich. Auf „Accentuate The Positive“, das ausschließlich Lieder aus den Vierzigerjahren enthielt, visitierte er 2004 noch einmal die Wurzeln seiner Kunst. Zwei Jahre später tauscht er mit seinem Freund George Benson kurzerhand die Hits. Auf „Givin´ Up“ sang Benson die Hits von Jarrrau und umgekehrt. Das letzte Al-Jarreau-Album erschien 2014. Es war eine Hommage an seinen alten, eben verstorbenen Freund George Duke.

Seinem Publikum war er mindestens so treu wie seinen Freunden. Dafür machte er ebenfalls die Armut seiner frühen Jahre verantwortlich. „Der scheinbare Mangel, in einer Welt, in der alles käuflich erscheint, hat mich geformt. Da entdeckt man leichter, was wirklich wichtig ist.“ Das war in seinem Falle die Zuneigung seines Publikums. Der strebte er zuletzt auch auf Krücken gestützt nach. Und selbst da hatte er noch etwas von einem Luftikus. Jetzt starb der siebenfache Grammy-Gewinner, der erst vor wenigen Tagen offiziell seine Karriere beendet hatte, in einem Krankenhaus in Los Angeles.

("Die Presse", Printausgabe vom 13.2.2017)

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